Früchte bringen

Predigt vom 23. März 2025; Lk 13,1-9; 1 Kor 1-12

Wir erleben Tragisches in unserem Leben und sehen diese Tage noch viel Schlimmeres in der Welt geschehen. Es gäbe viele Stichworte und Reizworte. Das ist nicht neu – auch wenn wir manchmal den Eindruck haben, in einer ganz speziellen geschichtlichen Phase zu leben. Leid und Tod kannten die Menschen um Jesus von Nazareth, wie auch um Paulus von Tarsus herum, auch. Und wie die Zuhörer und Zuhörerinnen Jesu, so sind es auch nicht wir, die gegenwärtig am meisten Unrecht und Leid selbst erfahren. Wenn ich in die Welt schaue, dann komme ich mir sehr privilegiert vor. Aber: Wie kann ich mit erfahrenem und gesehenem Bösen umgehen? Wie sind sinnlose und belastende Erfahrungen zu deuten?
Das Sonntagsevangelium stellt zuerst einmal fest, dass die Leute, die Ziel des Bösen sind, nicht grössere Sünder sind als wir, und dass wir nicht verschont werden, weil wir bessere Menschen sind oder weil wir Christen und Christinnen sind. Das Böse ist eine eigene und freie Grösse und wirkt, wo es will und wie es will. Die leidtragenden Menschen sind nicht per se schlechtere oder ungläubigere Menschen. Sowohl Jesus von Nazareth wie auch Paulus von Tarsus laden uns jedoch ein, im Angesicht des Bösen, des Verderbens den Blick auf uns selbst zu richten und unser eigenes Tun kritisch zu überdenken. Nach einer gründlichen Selbst-Betrachtung und Selbst-Einschätzung sollen wir einen guten Lebensweg wählen und entsprechend handeln, Früchte bringen.
Und Jesus erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt; und als der Mann kam und nachsah, ob der Feigenbaum Früchte trug, fand er keine. Da sagte der Mann zu seinem Winzer: Siehe, jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll der Feigenbaum weiter dem Boden seine Kraft nehmen? Der Winzer erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er in Zukunft Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen! (Lk 13,6-9)
Das Gleichnis richtet seinen Blick nicht nach aussen, auf die Ungerechtigkeit und Bosheit in der Welt. Betrachtet werden ein konkreter Feigenbaum und seine fehlende Frucht im Garten eines Mannes.
Der Mann stellt fest, dass der Feigenbaum auf fruchtbarem Boden steht. Eigentlich will er diesen ertragslosen Baum umhauen. Doch tritt noch ein zweiter Mensch, ein Winzer, auf: Herr, lass den Feigenbaum dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen.
Mir raten die Predigt eines Paulus von Tarsus und vor allem das Gleichnis vom Feigenbaum eines Jesus von Nazareth, mich mit Blick auf Ungerechtigkeit und Bosheit in der Welt nicht lähmen zu lassen und zu verzweifeln. Fragwürdiges gibt es in Gottes Welt und ist für mich, für uns nicht wirklich erklärbar oder begründbar. Auch gute Menschen kommen unter die Räder, werden getötet oder müssen leiden. Und da kann ich mich auch nicht rühmen, nur weil ich davon verschont wurde. Das Böse kann auch mich völlig unbegründet treffen. Es steht ausserhalb meiner eigenen Verfügbarkeit. Aber es gibt einen Bereich meiner Einfluss-Sphäre; und darin soll ich Früchte bringen. Da darf ich sogar vertrauen, dass mir jemand den Boden bereitet, mir beisteht, zu mir schaut, mir aber auch Zeit gibt – vergleiche den Winzer im Gleichnis. Das ist für mich eine stärkende und hoffnungsvolle Verheissung.
Ich bin für meine Früchte, mein Handeln selbst verantwortlich. Und die Fastenzeit als eine Zeit der Wahl und Neu-Ausrichtung lädt mich ein, den Blick vom allzu fernen, vielleicht blockierenden Begebenheiten zu lösen und mich mit meinem eigenen Leben und meiner Einfluss-Sphäre auseinanderzusetzen. Verantwortlich bin ich zuerst einmal für meine Taten, meine Früchte, mein Handeln und Sein. Bei einem Feigenbaum erwarten wir Feigen, bei einem Apfelbaum Äpfel, und bei Adrian Müller …? Und bei Ihnen …? Ja, mir kommen einige Bereiche in den Sinn. Nicht nur Schlechtes. Da gibt es Früchte in meinem, in unserem Leben – und die sind wichtig.
Ob der Feigenbaum im kommenden Jahr Frucht gebracht hat, das erzählt uns das Gleichnis nicht. Die Erzählung hat einen offenen Schluss und lädt uns ein, unser eigenes Leben zu betrachten, nach unserem eigenen Boden, Umfeld zu schauen und darin fruchtbar zu werden. Ach ja, kennen Sie den mutmachenden Satz: «Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.» Dieser Mut-Satz wird fälschlicherweise Martin Luther zugewiesen, geht aber auf den Propheten Mohammed (570-632) zurück. Der Winzer des Gleichnisses lädt uns immer wieder neu ein, Früchte zu bringen.

Diese Predigt wurde auch im Spital Schwyz gehalten. Einleitung zu Beginn:

Liebe Brüder und Schwestern, wenn ich das heutige Evangelium ernst nehme, dann gibt es mir einige Hinweise für meinen Umgang mit Krankheit und Leiden. Und diese stelle ich gerne an den Beginn dieses Gottesdienstes.
• Grundsätzlich wissen wir nicht, warum wir Böses und Krankheit erleben. Jesus warnt davor, dem Kranken, Sterbenden die Schuld dafür zu geben.
• Über Krankheit sollen wir nicht abstrakt und weltfremd diskutieren, sondern differenziert und sehr fallbezogen.
• Heilung geschieht in langsamen Schritten und kann manchmal Jahre dauern, wenn es überhaupt zur Heilung kommt. Der Ausgang unserer Bemühungen kann offen sein.
• Es gibt Menschen mit Fachwissen, die uns beistehen, die uns helfen können und sich für unsere Heilung einsetzen. Auch da wo andere schon den Kopf in den Sand stecken.

Im Dickicht des Lebens

Predigt zu den Seligpreisungen, Lk 6,17-26

Das heutige Tagesevangelium erinnert mich an Moses. Er stieg auf den Berg und brachte dem Volk die zehn Gebote Gottes; also eine Orientierungsrichtlinie für gutes und gottgefälliges Leben.
Auch Jesus war auf dem Berg in der Gottesbegegnung und kommt mit den zwölf Jüngern in die Ebene. Eine grosse Schar Jünger und viele Menschen versammelten sich um ihn. Jesus trifft sich also in den Niederungen des Alltags mit den Leuten, so würde ich meinen.
Moses brachte zwei Tafeln mit Geboten. Es sind dies Worte und ist zuerst einmal theorielastig. Den Lesenden mit den zehn Geboten gesagt, was sie zu tun werden und was sie zu unterlassen haben.
Jesus von Nazareth ist praktischer veranlagt. Er hat Kraft und bringt Heilung; Heilung von körperlichen und psychischen Krankheiten. Und darin sehe ich auch die erste Aufgabe in unserem Leben der Jesus-Nachfolge. Unsere Kräfte sollen wir für unsere Nächsten einzusetzen, damit sie körperlich und psychisch heil werden, oder zumindest in ihrem Leiden begleitet werden und einigermassen gut leben können. Das gilt für die vielen Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem, dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon. Auch Schwyz.
Uns für die vielen Menschen in Schwyz und Umgebung heilsam einzusetzen. Darin sehe ich unseren Auftrag als Jünger und Jüngerinnen. Als Ortskirche sind wir hier engagiert. Ich möchte hier primär einmal an die Kirso, die Kirchliche Sozialberatung Innerschwyz erinnern. «Die KIRSO ist eine professionelle Anlauf- und Beratungsstelle für Personen aus der Region Innerschwyz. Menschen in schwierigen Lebenslagen finden hier Beratung, Unterstützung und Begleitung, unabhängig von Religion und ethnischer Zugehörigkeit.» kann man auf der Homepage www.kirso.ch lesen. Und ich weiss, Franz Schuler und Judith Rüegg leisten gute und verantwortungsvolle Arbeit.
Die Antonius-Gelder, die dem Kapuzinerkloster abgegeben werden, gehen an die Kirso, für die Menschen in schwierigen Lebenslagen. Auch unterstützt das Kloster die Arbeitsstelle finanziell und ideell. Bald ist die GV des Vereins «Diakonie Innerschwyz» und ich bin gespannt, wie die soziale Situation in der Innerschwyz aussieht.
Doch Jesus geht noch einen Schritt weiter. Er wendet sich im Lukasevangelium in vier Seligpreisungen und vier Wehe-Rufen an seine Jünger und Jüngerinnen. Seligpreisungen: armutsbetroffen und hungernd bin ich nicht, selten weinend und auch nicht gehasst. Gut, manchmal ist es nicht nur einfach, römisch-katholisch zu sein. Menschen wenden sich ab von der Kirche, die Austrittszahlen sind hoch. Doch haben wir als Kirche, als Jünger und Jüngerinnen in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart einige Fehler gemacht. Da habe ich mich, wir uns als (römisch-katholische) Kirche zu verbessern und allen Menschen Kraft der Heilung zu werden.
Die Weh-Rufe decken wohl eher meinen heutigen Alltag ab. Ja, ich bin reich – gut nicht steinreich – ; ich bin satt – und manchmal übersatt. Nein, ich habe nicht den ganzen Tag zu lachen, auch wenn ich mich als glücklichen Menschen erfahre. Ab und zu darf ich auch ein Lob ernten und das macht mir Freude. Die Option für die Armen ist nicht unbedingt eine Option für Adrian. Nun, ich hoffe nicht gänzlich auf der Strecke zu bleiben.
Jesus macht mich also mit seinen Seligpreisungen und Wehrufen betroffen. Da kann ich mich gewiss nicht gemütlich zurücklehnen und alles ist gut. Ich sehe sie eher als eine Herausforderung, meine Kräfte wahrzunehmen, heilsam einzusetzen und mich aber als Christ immer wieder kritisch zu orientieren und zu hinterfragen:
Bin ich auch für alle Menschen heilsam, körperlich und psychisch?
Bin ich mir bewusst, dass Jesus mit den Seligpreisungen und Weh-Rufen die Welt auf den Kopf stellt. Nicht die Reichen und Satten, die Menschen auf der Sonnenseite und die umgarnten Grossen bekommen seine Aufmerksamkeit und sein Lob. Jesus stellt für uns Jünger und Jüngerinnen Menschen am Rand ins Zentrum. Und warum das? Das Reich Gottes kennt andere Massstäbe als Kapuziner zuerst oder Switzerland first oder Geld regiert die Welt oder der Mensch ist des Menschen Wolf. Nein, heilsam und solidarisch werden wir heute und in Zukunft ins Reich Gottes einziehen – und das wird unsere Freude sein. Die Güte, der Erfolg einer Gemeinschaft, einer Gesellschaft zeigt sich im Umgang mit den Armen, Hungrigen, Traurigen und den Menschen am Rand. Amen.

War bei mir der Geist dabei?

Predigt zu Taufe des Herrn; Apg 10,34-38; Lk 3,15-16.21-22

Eine erste Erfahrung: Letzten November reiste ich ins Kapuziner-Kloster Meran in die Ferien. Im Bus ab Mals setzte sich eine Jesus begeisterte Frau neben mich. Sie besucht wöchentlich eine Christengemeinde und kam schnell auf ihre Geisttaufe zu sprechen. Sie weiss genau, wann und wo sie vom Heiligen Geist getauft wurde, und seither ist sie Christin. Natürlich wollte sie auch von mir wissen, wann und wo ich vom Heiligen Geist getauft worden sei. Darauf habe ich leider keine genaue Antwort. Ich wurde als Säugling getauft und kann mich nicht an meine Taufe erinnern. Meine Eltern tauften mich – und ich bin ihnen heute dankbar für diese Entscheidung. Mit Worten, Wasser und Taufhandlung wurde ich getauft. Natürlich würde ich vermuten, dass der Heilige Geist auch dabei war.
Eine zweite Erfahrung: Letze Woche hörte ich einen Podcast über eine Online-Kirche. Alles geschieht bei ihr online, im Internet. Da gibt es Pfarrer und Pfarrerinnen, die betreiben Seelsorge wie auch die Sakramente im Netz. Auf der Homepage kann man Porträts dieser Pfarrer:innen sehen und einen dazugehörenden Avatar. Auch der Täufling muss sich im virtuellen Raum einen Avatar aussuchen und nach entsprechender Online-Taufkatechese gibt es eine Online-Taufe. Der Journalist fragte natürlich, ob eine solche Taufe theologisch überhaupt möglich sei? «Natürlich,» war die Antwort. «Der Heilige Geist kann wirken, wo er will, auch in einem Online-Room; auch im World Wide Web!» Er weht, wo er will.
Im heutigen Tagesevangelium sagt Johannes der Täufer: «Ich taufe euch mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, … Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.» Und später erzählt dieses Tagesevangelium wie der Heilige Geist auf Jesus herabkam. Jesus bekam nach dem Lukasevangelium eine Wassertaufe, den Heiligen Geist und ein Wort Gottes zugesagt: «Du bist mein geliebter Sohn.» Interessanterweise spricht Petrus in der heutigen Tageslesung der Apostelgeschichte, nicht von Jesu Taufe, sondern: «wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, …»
Für viele christliche Kirchen und Christ:innen heute ist klar, dass man durch die Taufe Christ wird. Ein kleiner Blick in die Religionen: Im Islam wird man ein Gläubiger, indem man die erste Sure (Al-Fatiha – Die Eröffnende) betet und das Gesagte auch entsprechend bekennt. Grundsätzlich wird ein Kind einer jüdischen Mutter jüdisch. Es gibt Möglichkeiten der Konversion zum Judentum.
Aber wie steht es nun mit der Taufe und deren gegenseitigen Anerkennung unter den unterschiedlichen Konfessionen? Wichtig ist mir persönlich die gegenseitige Anerkennung der Taufe von mehreren Kirchen. Zu nennen sind vor allem die Lima-Erklärung (Peru) von 1982 oder die Magdeburger-Erklärung von 2007. In der Magdeburger-Erklärung steht:
Jesus Christus ist unser Heil. Durch ihn hat Gott die Gottesferne des Sünders überwunden (Römer 5,10), um uns zu Söhnen und Töchtern Gottes zu machen. Als Teilhabe am Geheimnis von Christi Tod und Auferstehung bedeutet die Taufe Neugeburt in Jesus Christus. Wer dieses Sakrament empfängt und im Glauben Gottes Liebe bejaht, wird mit Christus und zugleich mit seinem Volk aller Zeiten und Orte vereint. Als ein Zeichen der Einheit aller Christen verbindet die Taufe mit Jesus Christus, dem Fundament dieser Einheit. Trotz Unterschieden im Verständnis von Kirche besteht zwischen uns ein Grundeinverständnis über die Taufe.
Deshalb erkennen wir jede nach dem Auftrag Jesu im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes mit der Zeichenhandlung des Untertauchens im Wasser bzw. des Übergießens mit Wasser vollzogene Taufe an und freuen uns über jeden Menschen, der getauft wird. Diese wechselseitige Anerkennung der Taufe ist Ausdruck des in Jesus Christus gründenden Bandes der Einheit (Epheser 4,4–6). Die so vollzogene Taufe ist einmalig und unwiederholbar.

Dem Text dieser Vereinbarung stimmten zu:
• Römisch-katholische Kirche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz
• Evangelische Kirche in Deutschland
• Orthodoxe Kirche in Deutschland
• Evangelisch-methodistische Kirche
• Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche
• Armenisch-Apostolische Orthodoxe Kirche in Deutschland
• Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland
• Äthiopisch-Orthodoxe Kirche in Deutschland
• Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen
• Evangelische Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeinde
• Arbeitsgemeinschaft Anglikanisch-Episkopaler Gemeinden in Deutschland
Liebe getaufte Christen und Christinnen, das war nun die kirchen-theologische Sicht auf Taufe und Christsein. Ich selber will niemandem das Christsein absprechen. Und so, wenn mir jemand sagt, er oder sie sei Christ:in, dann ist dem für mich so.
Die Taufe – auch meine eigene Taufe als Säugling – halte ich hoch und sehe darin vor allem die Aufnahme in die Gemeinschaft der römisch-katholische Kirche, verbunden mit anderen Kirchen. Für mein Christsein, vielleicht besser für meine Jesusnachfolge bemühe ich mich jeden Tag wieder neu.
Meine eigene Taufe sagt mir vor allem, dass Gott und meine Familie ja gesagt haben zu mir. Und das ist schön. Und als gefirmter Christ ist mir dabei wichtig, meinen Glauben verantwortungsbewusst zu leben und stets offen für neue göttliche Initiativen zu bleiben.

Gebären und gewahr werden; bewahren und erwägen

Predigt vom 25. Dezember 2024; Lukas 2,15-20

Das eine ist es «Ja» zu sagen, das andere dazu zustehen, es geschehen zu lassen, auch wenn es anders kommt, als frau oder man es vielleicht gedacht und erwartet hat. Solche Erfahrungen prägen das Leben, sei dies als zwischenmenschliche Erfahrung, sei dies als eine Erfahrung des Glaubens-Lebens. Die meisten unter uns haben schon vor Jahren, ja Jahrzehnten zu Menschen «Ja» gesagt, zu Aufgaben und Verpflichtungen «Ja» gesagt. Und immer wieder neu «Ja». Vielleicht hat sich das eine oder andere dieser «Ja» erfüllt, andere vielleicht verlaufen und wiederum andere fordern uns immer noch heraus, belasten uns.
Ein Kapuziner sagt zu einer Gemeinschaft «Ja», zu unterschiedlichen Aufgaben und vor allem zu Menschen. Auch sie, liebe Mitmenschen an der Krippe haben in ihrem Leben zu einigem «Ja» gesagt. Dabei weiss der Mensch zu Beginn oft, vielleicht meistens gar nicht, zu was sie oder er wirklich ja gesagt hat. «Wenn ich alles gewusst hätte, dann …» kann man manchmal hören. Manchmal geht das einem auch still durch den Sinn.
Die junge Frau Maria, eher noch Mädchen (?), hat Gott auch «Ja» gesagt. Gut, eine Klärungsfrage wurde ihr erlaubt, Zacharias wurde eine solche verübelt. Das «Ja» von Maria bedeutete neun Monate Schwangerschaft und dann eine Geburt unter erschwerten äusserlichen Bedingungen. In den vergangenen Tagen ging es in einem Roman, den ich hörte, um Geburts-Erfahrungen von einer Frau samt postnatalen Depression. Diese ist auch in der Schweiz heute keine Seltenheit: «Zwischen 15 und 20% der Frauen (je nach Studie) – demnach bis zu 16’000 pro Jahr – stürzt dieses sogenannt freudige Ereignis in die Krise: Sie erleiden eine postpartale Depression (umgangssprachlich auch oft als postnatale Depression bezeichnet oder als Wochenbettdepression bekannt).» https://postpartale-depression.ch/de/
Ach ja: «Auch Väter können daran erkranken, ca. 10% sind nach der Geburt ihrer Kinder von einer Depression betroffen.» In einem Interview mit einer Geburtshelferin las ich über Komplikationen bei der Geburt. Diese sind nicht zu unterschätzen. Dank einem Kaiserschnitt habe ich selber meine Geburt überlebt. In der freien Natur wäre ich vielleicht tot, vielleicht gar nicht zur Welt gekommen. Meine Nabelschnur hatte ich in meinem Bewegungsdrang um mich geschlungen. Gut, Menschen, die mich als kleinen Knopf kannten, staunen heute, wie ruhig und bedächtig ich geworden bin.
Maria, zu was allem hast du ja gesagt. Das heutige Tagesevangelium erzählt, wie Engel bei den Hirten waren und wieder gegangen sind. Die Hirten eilten darauf zu Maria und Josef und erzählten ihnen, was ihnen von den Engeln verkündet worden ist. «Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen.» Nein, die junge Frau macht kein grosses Aufhebens: «Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen.» Vermutlich hat sie das noch einige Male gemacht, während den 33 Jahren, die sie Jesus von Nazareth im Leben begleitet hat. Auch nach dessen Tod hat sie vermutlich noch viele Worte bewahrt und im Herzen bewogen.
Liebe Mitmenschen an der Krippe, auch wir haben in unserem Leben einige Worte mitbekommen, sie hoffentlich auch bewahrt und erwogen. Worte unserer persönlichen Geschichte mit Menschen und hoffentlich auch mit Gott. Hoffentlich durften wir immer wieder Staunen über das, was das Leben uns geschenkt hat. Vielleicht begleiteten uns ab und zu auch Depressionen und Verzweiflung. Und von Maria kennen wir einige Situationen, da sie wegen ihrem Sohn Jesus gelitten hat. Über allem steht jedoch der lebenspendende Gott und SEIN «JA» zum Geheimnis Leben. Und trotzdem, auch Maria hatte in ungewisser Situation «Ja» gesagt.
Und was mir dieses Jahr wichtig geworden ist an Weihnachten, fand ich im Text «Und Weihnachten geschieht!» von Andrea Schwarz: «Weihnachten kann man nicht machen – Weihnachten geschieht und wird und ist. Weihnachten – das ist das Geschenk Gottes an uns Menschen. Und Weihnachten ist und war und wird sein – egal, ob alle Fenster geputzt sind, wir alle Geschenke haben, die Weihnachtspost erledigt ist, es in den Geschäften keinen Lachs mehr gibt. … – Weihnachten geschieht.» (Aus: Eigentlich ist Weihnachten ganz anders. Hoffnungstexte).
Jahr für Jahr stehen, beten, meditieren wir mit Maria und Josef, den Hirten vor dem Kind in der Krippe. Wir lassen geschehen und erinnern uns an die Botschaft der Engel an die Hirten und deren Worte an Maria und Josef. Es ist dies auch eine Botschaft an uns und wir dürfen staunen, Kraft gewinnen für unser Leben, für unsere «Ja» zum Leben, zu Menschen und zu Gott. Und vielleicht begleitet uns in diesen Tagen der Vierschritt: Gebären und gewahr werden; bewahren und erwägen. Amen

Hörend – mitgehend – handeln

Predigt vom 3. November 2024, Mk 12,28-34; Dtn 6,2-6

«Und es trat zu Jesus einer der Schriftgelehrten, der zugehört hatte, wie Jesus und die Sadduzäer miteinander stritten. Als der Schriftgelehrte sah, dass Jesus den Sadduzäern gut geantwortet hatte, fragte er Jesus: Welches ist das höchste Gebot von allen?» So beginnt der Evangelist Markus das heutige Sonntagsevangelium bei Mk 12,28. Der Schriftgelehrte zeichnet sich durch Zuhören und Aufmerksamkeit aus. Das Streiten der anderen schreckt ihn nicht ab. Im Gegenteil. Darin liegt das gemeinsame Suchen. Gutes, offenes, ja verstehendes Zuhören ist dem Evangelist Markus ein Anliegen. Mehrmals kommt das in seinem Evangelium vor. Beispielsweise der Satz «Wer Ohren hat zu hören, der höre!» (Mk 4,9 und 4,23)
Das gute aufmerksame Hören ist in der jüdischen Spiritualität verankert. In der heutigen Lesung hörten wir das bekannte und wichtige «Schema IsraEL»: «Höre Israel» (Dtn 6,4). Oder einen Satz früher die Aufforderung von Gott an sein Volk: «Deshalb sollst du hören» (Dtn 6,3). Hören meint Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und entsprechendes Handeln. Hören kann verändern. Wer hinhört weiss anschliessend oft mehr als vorher. Hören ist eine Haltung des Interessens, des Lernens und vor allem der Liebe.
Im heutigen Tagesevangelium kommt ein Schriftgelehrter zu Jesus, der hingehört hat und darum etwas von Jesus hören, wissen will. Dies weil er in Jesus von Nazareth Vertrauen und Achtung gefunden hat. Der Schriftgelehrte hat Fragen; er ist offen und empfänglich!
Bei solchen biblischen Texten müssen wir Christen und Christinnen aufpassen. Oft haben wir das Gefühl, dass Pharisäer, Sadduzäer und Schriftgelehrte Jesus nur Fangfragen gestellt haben, um ihn bloss zu stellen und ihn zu bekämpfen. Im heutigen Evangelium kommt der Schriftgelehrte zu Jesus, weil er diesen echt hören will und ihn etwas herumtreibt. Der Schriftgelehrte sucht Dialog und hört hin.
«Welches Gebot ist das erste von allen?» (Mk 8,28) ist die kurze und klare Frage. Der Schriftgelehrte weiss um die jüdischen 613 Gebote und Verbote der Tora. Er kennt die Schrift und gewiss auch das Schema IsraEL. Und der Schriftgelehrte will tiefer gehen und mehr verstehen. Er will seinen Glauben vertiefen. Er ist bereit hinzuhören. Jesus antwortet pointiert.
Der hörende und verstehende Schriftgelehrte denkt mit und weiter. Es geht nicht primär um Brandopfer und andere Opfer, sondern um die Gottes-, Nächsten wie Selbstliebe. Diese Antwort des Fragestellers und Weiterdenkers wird von Jesus kommentiert: «Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr Jesus eine Frage zu stellen» (Mk 12,34).
Mir persönlich gefällt diese Erzählung aus dem Markusevangelium. Da finden zwei Hörende zum Dialog, ergänzen sich und finden zueinander und zu Gott. Sie haben sich gegenseitig bereichert und ihren Glauben genährt. Und auch die Umgebung spürt das und spielt mit. Wenn alles gesagt ist, dann ist Ruhe angesagt und diese wird nicht zerredet und gestört. Manchmal landet man beim gemeinsamen Schweigen vor Gott, auch eine Art Hören auf Gott hin. Da braucht es keine Worte mehr, sondern nur noch ein gemeinsames Hören und Verweilen bei Gott. Der menschlichen Worte waren genug, jetzt darf man gemeinsam auf Gott hören und handeln.
In den letzten Wochen fand der Abschluss eines langen und für viele Menschen intensiven Hörens und Austauschens der Weltkirche statt. Eine synodale Kirche hat auf Gott und auf ihre Getauften gehört. Die in Chur lehrende Theologin Eva Maria Faber meint: Auf der Weltsynode wurde über vieles diskutiert. Der Reformbedarf in der Kirche ist erkannt und wurde offen angesprochen. Umso mehr ist die Kirche in der Schweiz nun gefordert, die «weichen» Formulierungen des Synodendokuments in den konkreten kirchlichen Alltag auszubuchstabieren. Vgl. Redaktion kath.ch vom 28.10.2024.
Die Weltkirche hat nun auf das Leben der Ortskirchen und das Wirken des Geistes gehört und weitergedacht. Nun sind wir, die Kirche von Schwyz, dran auf die Weltkirche und unsere Lebensrealität zu hören und weiterzudenken. Da kann es immer wieder Perioden des gemeinsamen Schweigens und Suchens geben. Doch auch immer wieder neu ein Hören auf Gott, den Geist und seine Schöpfung hin. Und eben auch das richtige Handeln ist nicht zu vergessen. Dazu wünsche ich uns ein offenes Hören, das Schema IsraEL, Achtsamkeit und auch den heiligen Geist, der uns vorwärts treibt auf das Reich Gottes hin. Vielleicht hören wir dann Jesus Christus sagen: Ihr seid nicht fern vom Reich Gottes. Amen.

Solidarität statt Perfektionismus

Predigt vom 13. Oktober 2024, Mk 10, 17-30

Perfektionismus ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das in erster Linie durch sehr hohe Massstäbe, einer Rigidität der Massstäbe und einem leistungs-abhängigen Selbstwert charakterisiert ist, sagt Nils Spitzer. Vgl. Wikipedia, Perfektionismus (Psychologie). Nach meiner Einschätzung sind religiöse Menschen oft moralische Perfektionisten. Auch Franz von Assisi wusste dies und gab Gegensteuer. So ging der Heilige einen Monat auf die Isola Maggiore im Trasimenischen See meditieren und fasten. Doch nahm der Heilige ein Brot mit und begann vor dem Ende des Aufenthalts dieses Brot zu Essen. Dies aus Respekt vor Jesus von Nazareth. Denn Franziskus wollte Jesus mit dem vierzig Tage Fasten den Vortritt lassen. Der Heilige kannte Bescheidenheit in religiösen Dingen. Ein anderer hätte 41 Tage gefastet und sich gerühmt, länger als Jesus gefastet zu haben!

Eine weitere Franziskus-Fastengeschichte erzählt, wie der Heilige mit Brüdern am Fasten war. In der Nacht schrie ein Mitbruder vor Hunger auf. Franziskus hörte den leidenden Mitbruder, stand auf und war der Erste, welcher das Fasten brach und dem leidenden Mitbruder das Brot brach und zum Geniessen aufforderte.

Im heutigen Tagesevangelium (Mk 10,17-30) begegnet Jesus einem Mann, der das ewige Leben will. Dabei baut dieser auf eigene Leistung. Er hält Gottes Gesetze durch und durch. Interessanterweise weist selbst Jesus das Gutsein zurück und verweist auf Gott, der allein gut sei. Gutsein ist keine menschliche Leistung oder Eigenschaft, die man sich durch das Beobachten von Geboten und Vorschriften verdienen kann.

Jesus sieht den Mann verstehend an und umarmt ihn. Jesus attestiert dem Mann, dass er Gottes Gesetze auch wirklich erfüllt hat. Doch um solchen Perfektionismus geht es im religiösen Leben nicht, oder vielleicht auch nicht zuerst. Dem Mann fehlt die Solidarität mit den Menschen, mit den Armen. Das ewige Leben verdient man nicht für sich selbst, sondern in Gemeinschaft mit Menschen, vor allem mit den Menschen am Rande, mit denen die Leiden, mit denen, die nichts haben. Der religiös perfekte Mann geht traurig von Jesus weg. Trotz seinem ethischen Perfektionismus bleibt ihm das ewige Leben verwehrt, vielleicht auch vordergründig verwehrt. Denn eben, Gott kann alles. Wer weiss das schon?

Die Jünger bleiben bei Jesus und sind schockiert. Im Gegensatz zum nun enttäuschten Mann wissen sie, dass sie auch schon versagt haben. Vor allem Petrus wird uns in den Evangelien als kein perfekter Mensch geschildert. Er versteht Jesus nicht immer, vor allem die gefährliche Reise nach Jerusalem nicht. Erinnern wir uns an Markus 8,33: «Jesus aber wandte sich um und sah seine Jünger an und ermahnte den Petrus ernstlich und sprach: Tritt hinter mich, Satan! Denn du denkst nicht göttlich, sondern menschlich!»

Auch im heutigen Tagesevangelium werden wir aufgefordert, denk göttlich und nicht menschlich, lebe Nächstenliebe, Selbstliebe und Gottesliebe. Aber eben das ewige Leben ist und bleibt ein Geschenk Gottes an den Menschen. Da helfen uns weder unsere religiösen und moralischen Leistungen noch unser Geld, unser irdischen Reichtum – und vor allem nicht diese in perfekter Reinkultur. Zuerst geht es einmal um Solidarität und Dankbarkeit.

Und eben, auch das gläubige Leben bringt wunderbare Früchte der Gemeinschaft und der Solidarität: «Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Schwestern und Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.» Mk 10,30

Dazu braucht es keinen Perfektionismus und auch nicht die ihm zugehörige Angst alles richtig zu machen, sondern Freude und Gewissenhaftigkeit – als positiver Begriff an Stelle des Perfektionismus – im Tun. Und vor allem einen liebenden Gott im Himmel, der möglich macht, was uns Menschen unmöglich und vermutlich auch unvorstellbar ist. Amen.

Geheimnis Mensch

Predigt vom 1. September 2024; Mk 7,1-23

Die Habsburger, die ursprünglich aus der Schweiz kommen, kannten eine getrennte Bestattung. Nach dem Tod wurde der Körper vom Herz getrennt und an unterschiedlichen Orten bestattet. Man ging damals davon aus, dass im Herz das Zentrum des Menschen ist und dass im Herz der Ort der menschlichen Identität, sein Willenszentrum liegt. Ohne Herz kein Leben. Deshalb hat man früher vom Herztod gesprochen. Heute ist der Herztod keine verlässliche Todes-Indikation mehr. Wir wissen es anders. Bei Herzoperationen kann das Herz stillgelegt und durch Maschinen ersetzt werden. Später lässt man das Herz wieder arbeiten und das Leben geht weiter. Ein stillstehendes Herz bedeutet nicht mehr den sicheren Tod. Auch können Herzen transplantiert werden, ohne dass das neue Herz seine Identität in den fremden Körper mitnehmen würde. Das Herz gilt nicht mehr als das geheimnisvolle und unbekannte Zentrum des Menschen. Kardiologen und Kardiologinnen haben das Herz als Organ erforscht.

Heute gehen viele Menschen davon aus, dass das Hirn der entscheidende Ort des Menschen ist. Deshalb wurde der Hirntod zu einer Indikation für Leben und Tod. Gibt es im Hirn keine Energie mehr, dann ist der Mensch tot, so sagt diese Vorstellung. Ob dem so ist und wann der Mensch wirklich tot ist, das ist eine schwierige, medizinische und umstrittene Frage. Vor allem bei der Organtransplantation ist diese Einschätzung wichtig. Wann ist der Mensch tot und wann darf man ihm Organe entwenden. Eine knifflige Frage.

Es gibt Menschen, die lassen sich einfrieren und hoffen, eines Tages wieder aufgetaut und zum Leben erweckt zu werden. Und eben, heute gibt es Menschen, die es ähnlich machen wie die Habsburger. Sie lassen den Körper beerdigen und verwesen, aber den Kopf einfrieren und aufbewahren. Das Hirn müsste im neuen Leben reichen, um wieder ins Leben zu kommen. Da sind die wichtigen Daten eines menschlichen Lebens gespeichert, wie auf einer Computer-Festplatte. Der Körper scheint austauschbar, wie in einigen Computerspielen, wo ein Spieler, eine Spielerin mehrere Leben in unterschiedlichen Körpern leben kann. Aber das Gehirn bleibt.

Wenn Jesus im heutigen Tagesevangelium sagt, «von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken» usw., dann hat er die Vorstellung, dass das Herz den Menschen ausmacht. «All dieses Böses kommt von innen und macht den Menschen unrein». Jesus von Nazareth hat vor zwei tausend Jahren gelebt und gewirkt. Dabei hat er sich mit seinen Worten in den damaligen Vorstellungen bewegt, welche nicht mehr unsere sind. Damals war das Herz das Zentrum des Menschen.

Während dem Studium der Erziehungswissenschaften hat einer meiner Psychologie-Professoren Wert daraufgelegt, dass der Mensch auch in der Psychologie ein Geheimnis ist und bleibt. Die Psychologie gibt Hilfen für die Analyse des Menschen und kann manchmal Heilung bewirken. Aber sie belässt auch vieles offen und unbeantwortet. Was den Menschen im innersten ausmacht, das lässt sie offen, das ist und bleibt Geheimnis. Ein anderer Psychologie-Professor meinte jeweils, dass diese Frage von den Theologen und Theologinnen beantwortet werden müsste. Für uns Christen und Christinnen ist Gott ein Geheimnis – und sein Ebenbild, der Mensch ist und bleibt auch ein Geheimnis, Gottes Geheimnis.

Aber wie Jesus, kann die Psychologie einiges zu «bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifungen, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft» sagen. Doch lässt sich auch hier kritisieren: Ihr gebt die Wahrheit (Gottes Gebot) preis und haltet euch an die Theorien (Überlieferung) früherer Zeiten und vergangener psychologischer Grössen. Auch heute müssen wir uns wie vor zweitausend Jahren fragen, was trägt noch und was ist bloss Augenwischerei vergangener Zeiten. Was sind die Themen unserer Zeit?

Nicht Äusserlichkeiten sagt Jesus. Ich würde in heutiger Sprache sagen, der Mensch ist keine Maschine, sondern ein Geheimnis, das entscheidungsfähig ist, das oft zwischen gut und böse unterscheiden muss, auch wenn es manchmal Zeit braucht und Geduld, die Wahrheit und die echten Lösungen zu ergründen. Und auch heute sind wir Menschen aufgefordert rein zu sein, vielleicht in unserer Sprache gesagt, integer, vertrauens- und glaubwürdig, authentisch und wahr; konstruktiv und mit Verantwortung für unsere Nächsten wie für uns selbst.

Ab dem ersten September, heute also, rufen die Kirchen zur Schöpfungszeit auf, die bis zum vierten Oktober, dem Franziskustag, dauert. Auch heute geht es um die zwischenmenschliche Verantwortung, wie sie Jesus von Nazareth im Tagesevangelium einfordert. Doch für uns Menschen heute kommen neue Themen und Sorgen hinzu. Wir haben plötzlich eine enorme Verantwortung für die Natur, Tiere und Pflanzen, für die ganze Erde in unseren Händen. Wir haben diesbezüglich eine enorme Kraft, auch Zerstörungsmacht entwickelt. Das ergibt eine neue Verantwortungen für unser persönliches, wie für unser christliches als auch gesellschaftliches Leben.

Wir sind gefordert uns für das Leben, für die Schöpfung Gottes stark zu machen. Dabei müssen wir – wie Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten auffordert – stets neu ergründen, was Gottes Wille sei. Oftmals tragen alte Antworten nicht mehr. Zu dieser Suche und immer wieder neu entdecken, wünsche ich uns Fantasie, die richtigen Ideen und gute Absichten; aber auch Freude mit Gott an seinem Schöpfungswerk teilzuhaben.

Lieber keine Revolution

Predigt Mariä Himmelfahrt; 1 Kor 15,20-27a; Lk 1,39-56

Liebe Menschen, bei meinem Mitbruder Anton Rotzetter habe ich gelesen, dass man im Gebet und in der Frömmigkeit «Maria» mit «Mensch» ergänzen oder ersetzen darf. So feiern wir heute Mariä Aufnahme in den Himmel und dürfen uns mitdenken. Menschen werden in den Himmel aufgenommen – und ob Tiere, Pflanzen, ja die ganze Schöpfung im Himmel landen werden, ist theologisch zu erwarten, aber diese Fragen sollen nicht das Thema dieser Predigt sein.

Das heutige Fest sagt also etwas über uns, unserer Zukunft und unserer Hoffnung aus. Auch wir werden eines Tages bei Gott sein. Paulus formuliert dies den Korinthern folgendermassen: «Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.» Wie wir uns dieses Sterben und Auferstehen vorstellen dürfen, bleibt ein Geheimnis – und das scheint mir gut so. Es kommt wohl viel besser, als wir Menschen erahnen können.

Doch lassen wir nun die Himmels-Spekulationen. Zum Glück holt uns der Evangelist Lukas im heutigen Festtagsevangelium wieder etwas auf den Boden zurück und in die Gegenwart. Er erzählt uns von der Begegnung von zwei schwangeren Frauen. Dabei sind sie zweifach schwanger. Einerseits tragen sie verheissungsvolle Jungs in ihren Bäuchen, andererseits sind sie vom Heiligen Geist erfüllt. Was für eine hoffnungsvolle Begegnung im Bergland von Judäa!

Elisabet ruft Maria den Segen zu, nimmt wahr, dass sie beide einen ganz speziellen Moment erleben, und ehrt die jüngere Frau freudig.

Und Maria? Man könnte sie direkt bei der «letzten Generation» anmelden und mit heutigen jungen Menschen auf die Strasse schicken. Maria – nicht etwa fromm verzückt, wie man es bei Heiligenbildern oft sieht – steht mit beiden Beinen auf dem Boden und stellt im Namen Gottes die Welt auf den Kopf!

Gott «zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.» Leider müsste ich mich da wohl eher bei den enttronten und leer ausgehenden einordnen.

Wie geht es Ihnen, liebe Menschen, mit solchen Worten, mit dieser Wucht von göttlicher Macht? Als junger Mensch war ich Fan vom Magnifikat. Bei der einfachen Profess war das Magnifikat das Fest-Evangelium und meine fünf Mitnovizen und ich waren gespannt, wie der Provinzial mit solchen Umsturzgedanken umgehen wird. Nun, er hat damals sein Amt nicht niedergelegt.

Gott «stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.» Maria formuliert eine Umkehr der Verhältnisse. Kann es keine guten und menschenfreundlichen Mächtige oder Reiche geben? Schiesst da die junge begnadete Frau aus Nazareth nicht übers Ziel hinaus, wie es heute meines Erachtens auch die letzte Generation tut? Zerstörung bringt doch nicht aus sich heraus das Gute in die Welt? Revolutionen fressen ja bekanntlich auch ihre eigenen Kinder.

Müsste es nicht eher einen gerechten Ausgleich, denn einen gewaltvollen Umsturz geben. Können gewaltvolle Revolutionen die Welt verändern? Ich selbst vertraue heute auf gute und gerechte Prozesse – und da braucht es immer wieder neu Versöhnung und Vergebung im gemeinsamen Weitergehen. Darum habe ich früher das Magnifikat zum Beten oft umgeschrieben.

Und trotzdem beten wir Brüder jeden Abend im inneren Chor des Klosters: «Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.» Dies immer kurz vor dem Nachtessen. Und dann gehen wir ziemlich gut genährten und zumeist satten Menschen zum Znacht und geniessen die feinen Gaben der Schöpfung. Manchmal gedenken wir der Hungrigen und beten für sie. Noch nie bin ich hungrig vom Nachtessen gekommen.

Maria, junge prophetische Frau, wie konntest du nur so radikal sein?! Wie hast du im Alter über Revolutionen und Umstürze gedacht? Was ging dir unter dem Kreuz durch den Sinn?

Aussteigen – Sehen – Mitleid

Predigt vom 21. Juli 2024; Jer 23,1-6; Mk 6,30-34

«Als Jesus ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit Ihnen.» Aussteigen, sehen und Mitleid haben sind die drei Verben, die Jesu Handeln im Markus-Evangelium motivieren. Und die drei passen meines Erachtens exakt zu einem Ferien-Evangelium.

1. Aussteigen, das vertraute Schiff verlassen, das können Ferien bedeuten. Ich werde frei für neue Begegnungen, für andere Menschen. Dazu muss ich einen ersten Schritt tun. Dazu können Ferien auch einladen.

2. Sehen, die Augen öffnen und wach hinsehen, was sich da zeigt und sich vielleicht auch mir in den Weg stellt. Dazu braucht es Musse und Zeit. Jesus sieht die vielen Menschen, die sich am Ufer tummeln. Er nimmt sie wahr.

3. Mitleid haben, was bedeutet das? Ehrlicherweise habe ich nach einer einprägsamen und klaren Antwort gesucht, diese aber nicht gefunden. Einerseits gibt es auch das Wort Selbstmitleid – und das ist kein positives Gefühl.

In der Theologie ist vielmehr der Begriff «Barmherzigkeit» von grosser Bedeutung. Diese wird in den Weltreligionen mit Gott selbst in Verbindung gebracht – und im Christentum kennen wir dann die sieben Werke der Barmherzigkeit.

Als neutraler Begriff ist auch noch Mitgefühl zu nennen. Man kann sich Mitfreuen, aber auch Mittrauern, je nach Situation.

Mit/Leid besteht aus zwei Worten. Das «Mit» verbinden auf gleicher Ebene. Mitleiden kann man nicht von oben herab. Bildhaft geht man in denselben Schuhen wie der andere. Das «Leid» beschreibt negativ erlebte Gefühlsqualitäten.

Aussteigen, Sehen und Mitleid haben ermöglichen Jesus eine Situation zu begreifen, zu erfühlen und dann der Situation entsprechend zu handeln. Ich erinnere mich an einen Gebetsschluss von Franz von Assisi:

«Gib mir, Gott, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle. Amen.»

Sehen und Mitleid haben, Erkennen und Empfinden laden zum Handeln ein. Und das tut dann Jesus auch. Er nimmt die Menschen in ihren Leiden und Nöten wahr und gibt die passende Antwort. «Und Jesus lehrte die Menschen lange.» Das war Jesu Antwort auf die Not der Menschen, denen er am See begegnet ist, den Schafen ohne Hirten.

Vielleicht können wir uns heute, diesen Sommer die Frage stellen, wenn wir Ferien machen, aus unserem Trubel aussteigen und etwas Ruhe und Kraft finden, welche Menschen sehen wir und zu welchem Handeln treibt uns unser Mitleiden? Und dann entsprechend handeln.

Interessanterweise spricht man heute nicht nur von Mitmenschen, sondern auch von Mitgeschöpfen oder sogar der Mitwelt. Und auch mit Tieren beispielsweise kann man Mitleid haben. Moderne Tier-Ethiken bauen gerne auf das Mitleiden mit vierbeinigen Schwestern und Brüder auf.

Offene Augen und die Fähigkeit zu echtem Mitleid, das wünsche ich uns in dieser Ferienzeit, sowie viele weise Taten an den Ufern, die wir bereisen und besuchen. Und vielleicht immer wieder das Gebet von Franziskus auf den Lippen:

«Gib mir, Gott, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle. Amen.»

Habt ihr keinen Glauben?

Predigt vom 23. Juni 2024; Ijob 38.1-11; Mk 4,35-41

Liebe Gottsucher, liebe Gottsucherinnen, das Buch Ijob hat mich von Jugend an begeistert. Da gibt es eine Rahmenerzählung und eingefügt Diskussionen von Hiob mit drei Freunden sowie Gottesreden.

Rahmen, erster Teil: Gott sitzt mit seinen Söhnen im Himmel und schaut glücklich auf die Erde hinunter. Gott hat Freude am gerechten und frommen Ijob. Da meint einer seiner Söhne, Satan genannt, dass Ijob nur so gottesfürchtig sei, weil er stets Glück habe und sehr reich sei. Gott solle doch mal Ijobs Besitz und Leben antasten; Ijob Unglück und Verderben bringen. Mal sehen, was dann passiert?!

Nachdem viel Unglück über Ijob eingetroffen ist, gibt es auf Erden einen Dialog von Ijob mit seinen Freuden. Diese wollen Ijob weise machen, dass er für sein Unglück selbst verantwortlich sei. Ijob verneint vehement und beteuert seine Unschuld. Ijob bleibt bei seiner Überzeugung und hat Glück, Gott wendet sich an ihn. Heute hörten wir in der Lesung einen Teil dieser Gottesrede. Und Gottes Antwort zu Ijob ist ganz anders als erwartet:

Ijob 28.8-11: 8 Wer hat das Meer mit Toren abgesperrt, als es hervorbrach aus dem Schoß der Erde? 9 Ich wars, ich hüllte es in dichte Wolken, als Windel gab ich ihm den dunklen Nebel. 10 Ich gab ihm seine vorbestimmte Grenze, schloss es mit Tor und Riegel sicher ein. 11 Ich sagte ihm: Bis hierher und nicht weiter! Hier hört der Hochmut deiner Wellen auf!

Gott beschuldigt Ijob keiner Vergehen. Gott erklärt das Leid nicht und gibt auch keine Begründung dafür. Nein, Gott verweist auf seine Schöpfung, seine Schöpfermacht und wie er alles geordnet und begrenzt hat. Sie ist und bleibt in seinen Händen. Doch auf die Frage des «Warum» erhält Ijob keine Antwort. Gott ist dem Menschen keine Antworten schuldig, aber er versichert ihm, dass er allem gebietet und für das Leben einsteht!

Im Tagesevangelium erhalten wir eine ähnliche Antwort durch Jesu Verhalten und Handeln. Jesus liegt auf einem Kissen und schläft im heftigen Wirbelsturm. Die verzweifelten Jünger wecken Jesus.

Mk 4,39-40: 39 Jesus stand auf, sprach ein Machtwort zu dem Sturm und befahl dem tobenden See: »Schweig! Sei still!« Da legte sich der Wind und es wurde ganz still. 40 »Warum habt ihr solche Angst?«, fragte Jesus. »Habt ihr denn immer noch kein Vertrauen?«

Auch Jesus gebietet den zerstörerischen Gewalten, erklärt den Jüngern den Sturm oder die Gefahr nicht. Er zeigt ihnen, dass auch Wind und heftiger Wirbelsturm in seiner Verfügungsgewalt sind. Angstlos schläft er und vertraut dem Leben, dem Wirken und Gebieten Gottes.

Die Praxen von Psychologen sind heute überlastet. Kriege und Umweltängste belasten uns, machen Angst und fordern uns heraus. Antworten dazu gibt es von Gott her keine. So erging es auch Ijob und Jesu Jüngern. Die Gefahren sind real und werden uns nicht erspart oder weggenommen. Aber wir sind aufgefordert Gottes Wirken zu vertrauen; zu glauben, dass Gott über die Schöpfung, Menschen, gefahrvolle Mächte verfügt und alles in seinen «Händen» hält.

Gewiss sind wir auch gefordert unsere Verantwortung dem Leben, der Schöpfung gegenüber wahrzunehmen, unseren ökologischen Fussabdruck zu beachten wie auch für Gerechtigkeit und Frieden einzustehen. Im Buch Ijob hat Gott gefallen am gerechten Tun und frommen Verhalten des Ijob. Und trotzdem erhält Ijob – zumindest auf Erden – keine Antwort auf die Frage nach seinem Unglück und seiner Trauer. Sie sind Teil seiner Lebensrealität.

Obwohl wir vielleicht wie Ijob vieles richtig machen, kann es sein, das Unglück uns verfolgt und Leiden uns begleitet. Aber auch in solchen Situationen dürfen/müssen wir auf Gottes Macht und Wirken vertrauen. Gott ist auch auf Erden der Gebieter und nicht nur im Himmel. Wie schon Ijob oder die Jünger Jesu – verstehen können und müssen wir Gott nicht. Wir dürfen aber auf die Angst verzichten, auf Gott Vertrauen und an Jesu Rettung/Erlösung glauben. Habt ihr noch keinen Glauben? Nein, nicht wirklich, solcher Glauben ist schwer.

Ps: Es gibt nicht nur die Erfahrung von Leid und Unglück, es gibt auch die Erfahrung von Schönheit, unerwartetem Glück sowie von Liebe.

Aktuell: Es gibt nicht nur die Erfahrung von Überschwemmungen und Zerstörung durch Naturgewalten; es gibt auch die Erfahrung von erfrischendem Wasser, von lebenspendendem Wasser. Und es gibt das wachsende Wissen, dass wir wegen Überbauungen und einseitiger Landwirtschaft dem Wasser keine Möglichkeit geben, zu sickern und so langsam abzufliessen. Naturgewalten können vom Menschen provoziert wie auch teilweise gezähmt werden.

Ach ja, das Buch Ijob erzählt am Schluss, nach all dem erlittenen Leid, Hiob 42,10-17: 10 Der HERR wendete das Geschick Ijobs, als er für seinen Freund Fürbitte einlegte, und der HERR mehrte den Besitz Ijobs auf das Doppelte. 11 Da kamen zu ihm alle seine Brüder, alle seine Schwestern und alle seine früheren Bekannten und speisten mit ihm in seinem Haus. Sie bezeigten ihm ihr Mitleid und trösteten ihn wegen all des Unglücks, das der HERR über ihn gebracht hatte. Ein jeder schenkte ihm eine Kesita und einen goldenen Ring. 12 Der HERR aber segnete die spätere Lebenszeit Ijobs mehr als seine frühere. Er besaß vierzehntausend Schafe, sechstausend Kamele, tausend Joch Rinder und tausend Eselinnen. 13 Auch bekam er sieben Söhne und drei Töchter. 14 Die erste nannte er Jemima, Turteltaube, die zweite Kezia, Zimtblüte, und die dritte Keren-Happuch, Schminkhörnchen. 15 Man fand im ganzen Land keine schöneren Frauen als die Töchter Ijobs. Ihr Vater gab ihnen Erbbesitz unter ihren Brüdern. 16 Ijob lebte danach noch hundertvierzig Jahre und er sah seine Kinder und Kindeskinder, vier Generationen. 17 Dann starb Ijob, hochbetagt und satt an Lebenstagen.