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Die Kapuzinerprovinzen von Frankreich und der Slowakei

03. November 2026
Die Kapuzinerprovinzen von Frankreich und der Slowakei

ITE 2026/4 Grundsatzartikel: Seit den 70er Jahren unterliegen Kirche und Orden grossen Veränderungen. Dabei ergeht es ihnen ähnlich wie unserer Kultur. Nicht nur Smartphones und KI lassen Mauern einstürzen. Und trotz aller Überfremdungsängste wächst die Welt mehr und mehr zusammen. Nicht nur die Welt wird zu einem Dorf, scheinbar auch die Orden. Welche Antworten geben hierzu die Kapuziner?

«Die Brüder führten Frau Armut auf einen Hügel. Sie zeigten ihr die ganze Umgebung und die Welt, soweit der Blick reichte. Sie sagten: ‹Dies alles, Herrin, ist unser Kloster›.» Das steht in der einzigartigen Schrift «Sacrum Commercium», einem wunderbaren Werk der frühfranziskanischen Literatur. Während Benediktiner und ähnliche Orden zu einem Kloster, ja zu einer Abtei gehören, sind die Kapuziner ein Weltorden mit einer demokratischen, weltweiten Organisation – teilweise vergleichbar mit der alten Eidgenossenschaft.

 

Bedeutsame Kapuzinerprovinzen

Statt Kantone kennen die Brüder Kapuzinerprovinzen und die einzelnen Kapuziner gehören zu einer Ordensprovinz. Die höchste Instanz ist das Generalkapitel, das sich aus Vertretern aller Provinzen zusammensetzt. Den gewählten Definitoren sowie dem gewählten Generalminister obliegt die Leitung des Gesamtordens von rund zehntausend Kapuzinern weltweit. Dabei ist die Anzahl der Brüder, der Provinzen sowie der Klöster einem steten Wandel unterzogen. 

Der Wandel betrifft auch die Spiritualität und die Verankerung des Ordens in der Welt, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil besonders virulent wurden und umstritten waren. Deshalb führten die Kapuziner in losen Abständen Plenarräte durch. Da trifft sich die Ordensleitung mit Vertretern der ganzen Welt und Fachleuten, um wichtige Themen zu diskutieren, die das Leben und die Identität der Brüder betreffen. Seit 1971 wurden nun neun solcher Plenarräte durchgeführt.

 

Plenarräte des Kapuzinerordens

1.      Quito 1971:                    Brüderliches Leben, Armut, Mindersein

2.      Taizé 1973:                     Das Gebetsleben

3.      Mattli 1978:                    Missionarisch in Leben und Wirken

4.      Rom 1981:                      Das Bildungswesen im Kapuzinerorden

5.      Garibaldi 1986:           Unsere prophetische Präsenz in der Welt

6.      Assisi 1998:                   Die Armut in Brüderlichkeit leben

7.      Assisi 2004:                   Unser Leben in Brüderlichkeit und Armut

8.      Rom 2015:                      Die Gnade zu arbeiten

9.      Rom 2026:                      Die missionarische Ausrichtung …

 

Internationale Gemeinschaften

Im Oktober 2026 fand der neunte Plenarrat der Kapuziner zum Thema «Die missionarische Ausrichtung / Dimension unserer charismatischen Identität in der Kirche und in der Welt von heute» (Arbeitstitel, da das Schlussdokument noch nicht publiziert ist) statt. Vor allem drei Themen wurden dabei behandelt: 
1. Mission als Frage nach dem kapuzinischen Tun in der Welt
2. Internationale Zusammenarbeit
3. Laurentius von Brindisi-Gemeinschaften, das sind international zusammengesetzte Zeugnis-Gemeinschaften.

Ein Gedanke ist hier besonders erwähnenswert: Bisher lebten in Schweizer Kapuzinerklöstern vor allem Schweizer Bürger und in irischen Klöstern Iren. Neu gilt es als prophetisches Zeichen, wenn in Gemeinschaften Brüder vieler Kontinente zusammenleben und -arbeiten. Gastfreundschaft gegen aussen wird auch grossgeschrieben. Kulturen zusammenzuführen ist anspruchsvoll für die betroffenen Brüder, genauso ein Leben in fremden Kulturen. Da dies (noch) nicht jedem Bruder zuzumuten ist, entstehen vorerst internationale Modell-Gemeinschaften. Genannt werden sie nach dem berühmten Kapuziner und Weltreisenden Laurentius von Brindisi (1559-1619). In der katholischen Kirche wird der Theologe als Heiliger und Kirchenlehrer verehrt.

Neue Gebetsformen und Gastfreundschaft

Betrachtet man nun die einzelnen Kapuzinerprovinzen, so haben diese eigene Traditionen entwickelt und sind in den letzten Jahren auch eigene Wege gegangen, die dem Weltorden und seiner eigenen Spiritualitätsentwicklung ein Lehrfeld sein können. Nachdem sich die Brüder der Schweizer Provinz lange in Schulen, Missionen und Seelsorge engagiert haben, haben sie in den letzten Jahren Themen wie Neue Gebetsformen und Gastfreundschaft erprobt und vertieft. Zu nennen sind diesbezüglich vor allem die Klöster Arth, Rapperswil, Altdorf und Luzern. Interessanterweise war auch die deutsche Kapuzinerprovinz mit dem Kloster Stühlingen und die österreichische Provinz mit dem Kloster Irdning in diesem Sektor tätig.

Inhaltlich geht es dabei ums Mitleben und Mitbeten in einem Kloster in unterschiedlichsten Formen. Das können einzelne Tage bis Wochen oder sogar Monate sein. Im Kloster Wesemlin in Luzern gibt es seit bald zehn Jahren das Modell des klosternahen Wohnens, d.h. Menschen haben im Kloster ein Studio und sind zum Mitbeten, Mitessen und zur Mitarbeit eingeladen. Das Kloster Rapperswil SG hat begonnen, Laien in die Kerngemeinschaft des Klosters zu integrieren. Diese übernehmen anschliessend Verantwortung für das Kloster und sein Wirken.

Jedoch kein «Löcher stopfen»

Natürlich gibt es gegen diese Internationalisierung der Brüdergemeinschaften zwei gewichtige Gegenargumente, die stets mitbedacht werden müssen. Einerseits wird mit ausländischen Priestern in den Pfarreien ein veraltetes, marodes kirchliches System aufrechterhalten: Ausländische Kapuziner sollen kommen und – möglichst schweizerisch und angepasst – bisherige Ordens- und Pfarreistrukturen weiterzuführen, die wegen eigenem Nachwuchsmangel nicht zu halten sind. 

Das zweite Argument gegen solche internationale Gemeinschaften liegt im Eigenleben von Ordensprovinzen und Ortskirchen. Katholisch meint umfassend und nicht auf ein allgemeingültiges Modell reduziert, das kulturlos und fremd allen Gemeinschaften übergestülpt wird. Und wie steht es nun um das duale, schweizerische Kirchensystem in einer römisch-katholischen Weltkirche?

Frankreich

Frankreich hat seit langem mit Nachwuchs zu kämpfen. Aus fünf Ordensprovinzen wurde in den letzten Jahrzehnten eine einzige Provinz fusioniert. Inhaltlich haben die französischen Brüder früh auf die franziskanische Spiritualität gesetzt. Was im deutschen Sprachraum die Bibel, ist unter französischen Kapuzinern oft das sogenannte Totum. Damit gemeint ist die Sammlung der franziskanischen Schriften.

ITE-Lesende erinnern sich an den in St. Maurice lebenden Schweizer Kapuziner und Redaktor Marcel Durrer, der ja schon oft für unsere Zeitschrift geschrieben hat. Obwohl von Haus aus Bibel-Gelehrter, geht er sehr versiert auch mit franziskanischen Texten und Gedankengut um. In seiner Person zeigt sich jedoch auch eine enge Verbundenheit der Schweizer Kapuziner durch die Westschweizer Mitbrüdern zur französischen Kapuzinerprovinz. 

Frankreich bildet – seit langem wieder – einige junge Männer zu Kapuzinern aus. Es wäre vermutlich verfrüht, von einer diesbezüglichen Trendwende im Westen zu sprechen, aber immerhin. Ab Seite 16 dieser ITE-Ausgabe erzählt der in Frankreich lebende Kapuziner Raffaele Ruffo von den Erfahrungen mit einer Laurentius von Brindisi Gemeinschaft in Clermont-Ferrand.

Slowakei

Nach der Wende 1989 begann für die Kapuziner der Slowakei ein neues Zeitalter und eine neue Selbstfindung. Plötzlich wurden auch gute theologische Studien möglich, und die Brüder konnten internationale Erfahrungen sammeln. Viele studierten und lebten eine Weile in Österreich, Italien, usw. Interessanterweise waren sie bereit, ins Ausland zu gehen und dort zu arbeiten. Dies mit einer eigenen, neuen Mission in Island.

Eine spannende Biografie, die Geschichte ist ab Seite 32 in dieser Nummer zu lesen, hat auch der Kapuziner Pavol Šajgalík. Er war schon im Untergrund Kapuziner, studierte später in Wien und war lange in der Ordensleitung in der Slowakei. Dann lebte er einige Jahre in der Schweiz, zuerst in der Kapuzinerniederlassung in Zürich Seebach, später im Kapuzinerkloster Wesemlin in Luzern. Er arbeitete als Anderssprachigen-Seelsorger für die slowakischen Katholiken in der Schweiz. Bis er dann zum Militärbischof in die Slowakei zurückberufen wurde …

 

Das Bild ist ein Gruppenfoto der Teilnehmenden am 9. Plenarrat, Oktober 2026, in Rom.