Arbeiten und sich neu motivieren

Predigt vom 19. April 2026; Johannes-Evangelium 21,1-14
Liebe Fischer und Fischerinnen
- Vielleicht besser
Liebe Kartoffelschäler und Rüeblipellerinnen
Das heutige Tages-Evangelium mag ich sehr. Da geschieht eine Jesus-, Auferstandenen-, Christus-Begegnung mitten Alltag von Fischern und nicht in fernen, weltabgewandten und mythischen kirchlichen Welten. Zweifach enttäuschte Fischer begegnen dem Auferstandenen, Jesus. Einmal sind die Fischer enttäuscht, weil die Jesus von Nazareth-Geschichte ganz anders endete als erhofft. Spiegelbildlich ähnlich ergeht es ihnen bei ihrer Arbeit: Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Welch ein Frust! Welch ein Ärger!
Auch mir geht es manchmal ähnlich und oft geht mir dann vom Mani Matter das Lied Dynamit durch den Kopf (abspielen):
… Lied Dynamit von Mani Matter Text herunterladen
...
Und i ha mir a däm Abe im Bett en
Orde zuegsproche für my ganz allei
Glunge isch nume, dass zmonderischt scho
Über mi Red mir du Zwyfel si cho
Ja, da gibt es Momente, da kann ich schwärmen vom Kapuzinersein, vom Christsein, vom Schreiben und Photografieren eines Journalisten, ja sogar vom Predigen, es wird mir und den Zuhörenden vom Schwärmen warm im Herz.
Und i ha mir a däm Abe im Bett en
Orde zuegsproche für my ganz allei
Glunge isch nume, dass zmonderischt scho
Über mi Red mir du Zwyfel si cho
Doch, dann ärgere ich mich über einen Mitbruder, der für mich theologisch unverständlich oder sogar gefährlich denkt; über einen evangelikalen Christen, der im Ernst mit der Bibel behauptet, dass der Libanon nur den Juden gehöre und Christen und Muslime vertrieben und zerbombt werden müssten.
Dann kommt mir für einen versprochenen Artikel keine schlaue Geschichte in den Sinn oder die Predigt scheint leer und geistlos zu werden. Auch die Jünger merkten, dass Jesus von Nazareth nicht gebracht hat, was sie erwartet hatten und die nächtliche Arbeit war auch ein Flopp. Da macht weder Jesus-Nachfolge noch Fischen Spass.
Und in diese mühsamen Situationen hinein kann Wandlung geschehen. Und auch diese vielleicht nicht so wie erwartet: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Zu allem Ärger kommen noch Forderungen. Hat dieser Fremde nicht verstanden, dass da gerade keine Fische im Netz waren? Der Fremde hat keine Ahnung von Fischers Arbeit! Und dann gibt dieser Ungebetene, Unbekannte erst noch komische Ratschläge: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Als ob es eine Rolle spielt, das Netz rechts oder links vom Schiff auszuwerfen.
Die Jünger raffen sich auf und handeln und die Geschichte findet ihr Happyend. Jesus lädt die Jünger zum Essen ein. In meinem Alltag heisst es manchmal auch, dranbleiben und durchbeissen, mich neu zu motivieren: vielleicht ein Gebet, eine Nacht darüber schlafen oder noch besser, ein stilles Verweilen in der Gegenwart Gottes, Meditation. Da kann Wandel – ich denke auch göttliche bewirkte Veränderung geschehen. Nein, nicht als Weltabwendung, sondern als Weltzuwendung. Fischer gehen noch einmal auf den See, Kapuziner begeben sich in die brüderliche Kontemplation, Christen feiern Gottesdienst oder leben Nächstenliebe durch konkrete Diakonie und Nächstenliebe. Und ich versuche es noch einmal mit meinem Artikel oder einer Predigt. Der Auferstandene im heutigen Tagesevangelium rät den Jüngern konkret ihrer Arbeit nachzugehen, dranzubleiben und zu arbeiten, um so Jesus Christus begegnen zu können. Im Alltag, während der Arbeit begegnet und wirkt Gott. Das mag ich sehr. Nichts Vergeistigtes.
Solches Leben fasziniert und nährt. Fulbert Steffenski spricht von Schwarzbrot-Spiritualität. Und im Moment lese ich mit Gewinn das Buch Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen von Jack Kornfield. Und diese Titel begleiten mich, wie auch der Satz von Mani Matter Glunge isch nume, dass zmondrischt scho; über mini Red mir du Zwiefel si cho. Aber dann trotz Zweifel am Ball bleiben, nicht aufgeben und konstruktiv weitermachen. Oder wie sagt Jesus im Johannesevangelium zu den Jüngern:
Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus
und ihr werdet etwas finden.
Sie warfen das Netz aus
und konnten es nicht wieder einholen,
so voller Fische war es.
Liebe Fischer und Fischerinnen
Vielleicht besser
Liebe Kartoffelschäler und Rüeblipellerinnen
Jesus, den Auferstandenen, Christus, Gott in unserem Alltag und Arbeiten wahrnehmen und wirken lassen. Sich während der Arbeit überraschen lassen. Mich der Welt und ihren Fragen zuwenden, verantwortungsvoll und konstruktiv handeln, das nehme ich gerne vom heutigen Evangelium mit in die kommende Woche. Dazu ermutigt mich diese Jünger-Geschichte und andere Geschichten und Erfahrungen aus meinem Leben, vermutlich auch Erlebnisse aus ihrem Leben. Dies auch in einer vielleicht anspruchsvollen und nicht nur klaren Veränderungszeit, wie wir im Moment erleben. Dranbleiben und auf Gottes Gegenwart vertrauen, auch wenn wir nicht alles klar sehen oder im Griff haben. Packen wir zu und werfen die Netze neu, wiederum. Amen.
Stetes Weitergehen prägt das Leben

Bruder Pascal Mettler wirkt seit vier Jahren in Luzern und hat vorher im Kapuzinerkloster Münster (Nordrhein-Westfalen, DE) gelebt und studiert. Der Kapuziner arbeitet als Kaplan im Pastoralraum Oberes Entlebuch. Unter den vielfältigen Aufgaben warten viele Auferstehungsfeiern auf ihn. In der Liturgie ist ihm in der Präfation von den Verstorbenen I vor allem folgender Gebetsausschnitt wichtig geworden: Und wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet. „Aufgefallen und wichtig geworden“, formuliert Bruder Pascal. Es ist für ihn der entscheidende Satz, der heraussticht und ihn im Gebet begleitet. Dabei erinnert ihn die Präfation ans Alte Testament. Das Volk in der Wüste musste stets neu aufbrechen, d.h. abbrechen und weiterziehen, bis zum irdischen Tod, erst dann folgt Vollendung. Darin erfährt Bruder Pascal eine Befreiung fürs Leben.
Leben heisst Weitergehen
Das Leben ist das Ziel. So hat es schon das Volk Israel gelernt. Stetes Weitergehen macht das Leben aus und prägt selbst die Erfahrung der Eucharistie eines Pascal. Daher ist für den Kapuziner im Feiern der Messe das Momentum des Paschamysteriums sehr wichtig geworden. Ja, - die Worte überschlagen sich – das Judentum wird seit einiger Zeit stets wichtiger für ihn und gerne erinnert er sich an eine bereichernde Vorlesung eines Rabbiners an der theologischen Hochschule in Chur.
Das Gebet aus der Präfation erinnert Bruder Pascal an die Auferstehung und stärkt seinen Glauben. «Der Geist Christi wirkt durch die Bilder, die Menschen mitbringen», sinniert Bruder Pascal nachdenklich. Der Tod, auch von nächsten Angehörigen, hat ihn immer wieder herausgefordert, aber auch gefördert. Und wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet. Für dieses Glaubensbild ist der jüngste Kapuziner im Kloster Wesemlin dankbar.
Dankbarkeit für die Zeit zum Lesen
In der Klosterbibliothek Olten fand Bruder Pascal das Sachbuch Religionen heute. Darin finden sich heilige Texte vieler Religionen sowie bereichernde Erklärungen. «Wie sucht der Mensch Sinn?» ist eine Frage, die Bruder Pascal sehr beschäftigt. Jeder Mensch sucht Antworten – die konkret gelebte Religion ist die Frucht solchen Suchens. Folgender Text aus dem Buch ist ihm beim Lesen aufgefallen:
Wie immer man die letzte Realität auch empfinden mag: Ihre Grösse inspiriert auch ihre Verehrung. Die äusseren Formen der Religion bestehen zum grössten Teil in den Bemühungen des Menschen, dieser Verehrung Ausdruck zu verleihen und vielleicht in das heilige Stadium der Kommunion mit dem so Verehrten zu treten. …
Die Vorbereitung der Liturgie lässt Bruder Pascal stets neben Sachbüchern und Artikeln auch nach guten, für die Liturgie brauchbare Gedichte suchen. Dabei hat die Poesie eine Brückenfunktion für den Glauben. «Ich mache viele Sachen gern», fasst Bruder Pascal sein vielfältiges Wirken zusammen, doch Lesen ist für ihn stets (fast immer) Freizeit.
Gott ermuntert und beauftragt
Der brennende Dornbusch (Exodus 3) war in den letzten drei Jahren Bruder Pascals biblische Schlüsselstelle. Er findet in dieser Bibelstelle Gottes Heiligkeit und die Antwort des Menschen auf die Begegnung, auf die Erfahrung dieser Heiligkeit Gottes. Gott sagte zu Mose «Komm her und halte mich mal aus». Gott ermuntert den Mose in seine Nähe zu kommen und gibt ihm einen Auftrag. Und diese Erfahrung – Schuhe ausziehen, weil Gott da ist - begleitet den Mose bis zu seinem Tod.
Diese Exodus-Stelle zeigt Bruder Pascal eine Erkenntnis für das religiöse Leben, die unabdingbar ist: Ohne Gottes Berührung, ohne Gottes Auftrag kann er keinem Menschen einen religiösen Weg empfehlen. Dabei staunt Bruder Pascal über die Kraft, die das Volk der Juden in sich trägt. Und diese Kraft findet der Kapuziner auch bei Jesus am Kreuz, der sich weigert zu hassen und das Herz des Menschen berührt. Man könnte sagen, so empfindet es jedenfalls Br. Pascal, dass Christus in seiner Menschwerdung, wie der brennende Dornbusch, die Gegenwart Gottes inmitten der Welt offenbart.
Berühren und annehmen sind für den Luzerner Kapuziner zwei wichtige Grundkräfte, die er auch bei Franz und Klara von Assisi findet. Und da schliesst sich für Bruder Pascal der Kreis vom Dornbusch zu Jesus und dann zu Franziskus und Klara.
Zum Kapuzinerkloster auf dem Wesemlin gehören zurzeit zwölf Brüder. Jeden Monat im Jahr 2026 wird einer von ihnen vorgestellt. Dabei darf er eine ihm wichtige Evangeliums-Stelle, ein oft meditiertes Gebet sowie einen Buch- oder Film-Tipp abgeben.
Auferstehung staunend erleben

cap! Das Magazin der Kapuziner Frühling 2026 Die Auferstehung des gekreuzigten Jesus durch Gottes Kraft ist ein Geheimnis jenseits unseres Horizontes. Wie kann ich mir davon ein Bild machen? Ein österlicher Impuls.
Jedes Jahr feiern wir Geburtstag; doch geboren worden sind wir alle nur einmal. Mag sein, dass das Erwachen am Morgen in unserer Erfahrung etwas mit einer Neugeburt zu tun hat, aber sie ist keine Geburt. Vielleicht ein Hinweis aufs Geboren-werden. Auch die jährliche Geburtstagsfeier ist keine Geburt, sondern eine Erinnerung an unsere Geburt vor Jahren, sowie ein Indikator meines Alters, meines Alterns.
Ebenso verstehe ich das jährliche Oster-Fest als eine Erinnerung an das Auferstanden-Werden des gekreuzigten Jesus von Nazareth durch Gottes Kraft. Wir wissen, was Leben ist, und wir wissen auch einiges über das irdische Leben von Jesus von Nazareth, aber was es heißt, beim „Vater“ zu sein oder in der „Gegenwart Gottes“ zu leben, auferstanden zu sein, das ist und bleibt ein Geheimnis jenseits unseres Erfahrungshorizontes oder meiner Vorstellungen; eben ein Geheimnis. Selbst eine Nahtod-Erfahrung geht nicht über die Schwelle zum Neuen Leben. Sie nähert sich vielleicht einem Licht, einer Verwandlung. Aber was kommt nach dem Licht?
Neugierige Menschen – und als solchen sehe ich mich – möchten mehr wissen. Und man kann die Bibel öffnen und findet viele wunderbare Erzählungen von Menschen, die dem Auferstandenen begegnet sind; und auch spannende theologische Kommentare dazu. Doch eine Antwort, was es heißt, auferstanden zu sein, habe ich nicht gefunden. Es bleiben vermutlich das Staunen und das betroffen werden, zwei Erfahrungen, wie sie den Freundinnen und Freunden Jesu, die dem Auferstandenen begegnen durften, eigen sind. Sie waren noch nicht selber auferstanden, sondern sind erst einmal als irdische Menschen dem Auferstandenen begegnet.
In der Kunst durfte ich eine spannende Entdeckung machen: Manchmal ist auf Bildern bei der Krippe ein Schmetterling beigefügt. Das wunderschöne zerbrechliche Tier ist ein Hinweis auf die Auferstehung und ist, wenn es nun wirklich Vorstellungen zur Auferstehung braucht, für mich das ideale Vorstellungs- und Meditationsobjekt: Raupe – Puppe – Schmetterling / Leben – Tod (Wandlung) – Auferstehung.
Dabei sind für mich Erfahrungen dieses Raupen-Puppe-Schmetterling-Prozesses prägend. Man kann im Frühling auf die Suche nach Raupen gehen und diese in einem Aquarium oder in einer Kartonschachtel aufziehen. Einmal habe ich es versucht: Zuerst habe ich gestaunt, was eine Raupe so alles frisst. Ich kam fast nicht nach, mit der Nahrungssuche. Dann plötzlich kommt bei der Raupe der Stillstand mit Essen, aber sie beginnt zu laufen und rennt und rennt und rennt. Schlimmer als ein Mensch in seinem Hamsterrad. So hatte ich die Raupen in meinem Zimmer. Den Schlaf konnte ich direkt vergessen. Lauf grüne Raupe, lauf!
Plötzlich ist es ruhig. Und ein brauner Kokon hängt an zwei feinen Fäden und das lange Warten beginnt. Hätte man nicht das Wissen oder sogar die Gewissheit vom Schmetterling, man würde den braunen Kokon entsorgen. Er ist eher das Bild des Todes, denn eines filigranen, farbigen Schmetterlings. Plötzlich knackt es und langsam öffnet sich der Kokon. Der Prozess des Schlüpfens wie auch der Körper-Entwicklung brauchen Zeit, Kraft und Geduld. Aber wehe, man passt nicht auf, dann ist der wunderschöne und leichte Geselle in der Luft und weg.
Ich weiß, auch dieses Prozess-Bild ist nicht vollkommen. Auferstehung hat mit Gott und dessen Wirken zu tun. Doch das Bild eines irdischen, gefräßigen, ruhelosen Lebens, das nach dem Tod oder Übergang zu einem einmaligen Wesen wandelt, das den Himmel bevölkert, begeistert und bestärkt mich im Glauben. Es ist dasselbe Wesen, aber gleichwohl ganz anders. Erst Raupe, dann Schmetterling. Ich bleibe nichtwissend, aber staunend zurück. Welch eine Wandlung. Welch schönes Bild für die Auferstehung des Gekreuzigten! Und so auch ein Bild für dich, für mich, für alle Menschen.
Auferstehung staunend erleben am herunterladen
Herz oder Hirn oder besser Asche?

Bis vor Kurzem meinte man, dass Reliquien ein Thema früherer Zeiten seien. Nun sind in Assisi Reliquien wieder Event geworden. Knochen von Franz von Assisi in der Unterkirche von San Francesco, der restaurierte Körper von Carlo Acutis in der Santa Maria Maggiore, und dessen Herz macht Zwischenhalt in der Kirche San Rufino. Es ist heute wieder verbreitet, dass der Mensch als Materie wahrgenommen wird. Glaubt man der Neurologie, dann sitzt das Zentrale des Menschen im Hirn, und von da scheint das Menschsein gesteuert zu werden. Oder ist vielleicht doch der ganze Körper massgeblich, wie es beispielsweise die Phänomenologie beschreibt? Für Phänomenologen wie Thomas Fuchs ist das Hirn das Beziehungsorgan. Aber es geht mir hier nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung und Diskussion. Vielleicht nicht einmal um Antworten, sondern lediglich um einige Fragen zum Menschen und dem Umgang mit seinen sterblichen Überresten nach dem Tod.
Modern wäre Kryonik
Sterblichkeit oder vielmehr Unsterblichkeit ist nicht erst seit heute Thema, in den vergangenen Jahren aber wieder vermehrt aktuell. Superreiche investieren Milliarden, um noch älter zu werden oder gar nicht mehr zu sterben. Es ist dies ein grosser Hype. Und wenn doch sterben, dann lässt man sich einfrieren (etwas vereinfacht ausgedrückt) um später wieder aufzutauen und zum Leben erweckt zu werden. Kryonik, wie der Fachausdruck dafür lautet, meint insbesondere das „Einfrieren“ nach dem Tod und «Aufbewahren» von Menschen, die schon zu Lebzeiten entsprechende Verträge mit kommerziellen Anbietern geschlossen haben und auf eine technische Innovation hoffen, die ihnen ein Weiterleben in der Zukunft ermöglichen soll (vgl. Wikipedia). Auch in der Schweiz ist dieses Geschäftsfeld unter Reichen verbreitet. Wessen Budget nicht für den gesamten Körper reicht, friert nur den Kopf ein – und hofft darauf, mittels seiner wiederbelebten Hirnmasse später erneut zum Leben erweckt zu werden.
Mir stellt sich ob all den Bemühungen um ewiges Leben die Frage nach dem Menschen an sich.
Was macht mich aus? Meine Knochen, welche sich auf Grund der Zellerneuerung innerhalb kurzer Zeit ständig erneuern? Oder doch mein Herz, mein ganzer Körper oder das Hirn? Auch deren Zellen erneuern sich laufend. Ein lebendiger Organismus lebt von steter Veränderung und Erneuerung. Ich bin wesentlich mehr als die Materie, aus der ich geschaffen bin. Das menschliche Ich bleibt in seiner Substanz, mindestens bis anhin, letztlich Geheimnis. Da hilft nur Staunen und sich vom Leben betreffen lassen.
Ob davon auch etwas zum Tragen kommt, wenn Reliquien bedeutender Menschen ausgestellt werden?
Das Herz von Carlo Acutis wurde 2019 bei der Exhumierung entnommen und wird seitdem als kostbare Reliquie in einem kunstvollen Reliquiar aufbewahrt. Es zieht Pilger aus der ganzen Welt an und wird aktuell auf einer Reliquien-Tournee durch verschiedene Städte Europas gezeigt. Gleichzeitig scheint eine Herz-Reliquie in der Kirche San Rufino aufbewahrt zu sein – vielleicht ist sein Herz nun also zerteilt und an vielen Orten zu finden? Nun denn: Es ist jedenfalls nicht nur ein physisches Überbleibsel seines Körpers, sondern auch Symbol für seine spirituelle Hingabe und sein Vermächtnis als vom Papst Heiliggesprochener. Durch die zur Schau Stellung seines Herzens soll Carlos spirituelle Präsenz und sein Einfluss auf die Gläubigen weiterhin spürbar bleiben, obwohl er physisch nicht mehr unter uns weilt, und sie inspirieren bzw. ermutigen, durch seine Geschichte und seine Werke ihren eigenen Glauben zu vertiefen und zu verbreiten. (Vgl. chip)
Fazit
Es geht bei diesem Reliquienkult also primär nicht um eine materielle, sondern um eine symbolische Dimension. Da darf man gewiss unterschiedlicher Ansicht darüber sein.
Persönlich möchte ich aber meinen Körper nach meinem Tod nicht ausgestellt wissen. Vielleicht allerdings meine Asche an einem Ort begraben wissen, wo Menschen sich erinnern können. Ohne materielle oder symbolische Überbleibsel (also Reliquien), sondern ein Ort zum Verweilen in Gedanken an dieses Geheimnis «Mensch», dessen Ursprung christlich geglaubt die Liebe des Schöpfers, der Schöpferin ist.
Da lief nicht alles rund

Bruder Josef Bründler, der seit zwei Jahren in Luzern lebt und vorher im Kloster Olten als Guardian wirkte. Heute darf er versöhnt und dankbar durchs Leben gehen.
In Bruder Josef Adern fliesst Blut von Bruder Klaus. Ihm gefällt das Buch «Fernnahe Liebe» von Niklaus Kuster und Nadia Rudolf von Rohr. Das Buch erzählt von Bruder Klaus aus der Sicht seiner Frau Dorothea. Die Beziehung meiner beiden «Verwandten» ist spannend. Ich liebe historische Romane», antwortet Bruder Josef lachend auf den Buch-Tipp. Gut, vielleicht müsste man statt Fachbücher mal einen fesselnden Roman zu Bruder Klaus schreiben! Glänzende Augen bekommt Bruder Josef, wenn er von Ken Follet und dessen historischen Romanen erzählt. Diese hätten mehr als tausend Seiten erzählt Josef glücklich. Gelesen wird abends im Bett. Ich merke dies dann morgens beim Aufstehen – und wohl die Mitbrüder im Morgengebet.
Menschlich und dankbar
Eben hat Bruder Josef einen Roman von Martin Sutter begonnen: Der letzte Weynfeldt. Suter habe wie Ken Follet eine menschliche Art Geschichten zu erzählen. Ein menschlicher Erzählstil meint erstens eine verständliche Sprache und spannende Alltagssituationen. Der letzte Weynfeldt sei ein alter Mann mit seinen «Mücken und Tücken»; er gestalte sein Leben originell. Originelle Menschen mag Bruder Josef sehr. Er selbst müsse nicht mehr viel verändern und auf den Kopf stellen. Versöhnt und dankbar gehe er heute durchs Leben.
Bruder Josef stammt aus einfachen und bescheidenen Verhältnissen. In der Familie zählten die Beziehungen und das schenkte ihm eine gute Beheimatung. Dankbar dürfe er auf seine Kindheit wie auf sein Leben zurückschauen. Seine Familie war ihm ein Geschenk und dann auch das Ordensleben. Dabei betont er jedoch, dass sie damals zehn junge Männer waren, die sich auf den Weg gemacht haben. Und es sei wichtig gewesen, dass sich die Kursgenossen gegenseitig gestützt und motiviert hätten. Das sieht er heute als eine grosse Schwierigkeit für junge Brüder, die zumeist ziemlich alleine auf den Weg gingen. Ob er ohne Kursgenossen da wäre, wo er heute ist, weiss er nicht genau.
Da lief nicht alles Rund
Klar dürfe man ihn fragen, wieso er sich versöhnen musste. Er habe im Leben einiges bereut. In der Studentenzeit war er in der Studentenverbindung und habe da mehr Geld verprasst, als er eigentlich hatte. Das wäre nicht nötig gewesen. Auch mit Rauchen habe er bis zum 12.12.2012 viel Geld verpufft. Nein, seither rauche er nur noch in den Träumen, meint er schmunzelnd. Jetzt sei die Freiheit aber wieder zurück. Nicht die körperlichen, aber die psychischen Folgen der Sucht waren erheblich. Auch sein Umfeld habe bei seinem Rauch-Stopp gelitten. Arme Mitbrüder!
Wie bei Bruder Adolf ist Bruder Josef das Gebet von Bruder Klaus sehr wichtig. Es ist unter anderem das Gebet von einem Verwandten, meint er mit einem gewissen Schalk. Im Bruder-Klausen-Gebet spricht ihn der Ausdruck von Vertrauen in Gott sehr an. Hinzu kommt, dass Bruder Klaus auch aus diesem Vertrauen lebte und handelte: «Klaus hat es auch vorgelebt!» Bruder Klaus konnte nur aufbrechen und gehen, weil er «dem Herrgott vertraute». Wichtig ist Bruder Josef auch, dass dieses Gebet in die Volksfrömmigkeit einging und Menschen es in jeder Situation beten können.
Menschen-nah
«Volksfrömmigkeit prägt mich sehr und schätze ich enorm», betont Bruder Josef. So waren auch die Geheimnisse des Rosenkranzes ein steter Begleiter von Jugend an. Darin formuliert sich ein tragendes Glaubensfundament. Wenn er im Kloster ein Gemeinschaftsgebet verpasse, dann meditiert er im Zug oder beim Gehen diese Glaubensgeheimnisse und sie sind ihm Nahrung. Ja, vor der Volksfrömmigkeit habe er Respekt!
Die fünfzehn Geheimnisse der drei Rosenkränze sind wie ein Geländer und in Gedanken lässt sich gut damit entlang gehen. Plötzlich beginnt Bruder Josef zu lachen: «Sie sind natürlich auch eine gute Gedächtnis-Stütze!» Häufig zelebriert Bruder Josef in Kirchen der Umgebung. Da läuft er gerne zu Fuss hin und macht sich bewusst und meditativ auf den Weg. In Gedanken nehme er da oft auch Menschen, sie sich ihm anvertraut haben, mit. Aber, nein, in schwierigen Zeiten bete ich eher nicht. Es ist nicht die Not, die ihn beten lehrt.
Macht euch keine Sorgen
Nehemia 8,10: Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke. Ist Bruder Josefs liebstes Bibelzitat. Und wer mit ihm zusammenlebt, hat dieses Zitat auch schon gehört. Diese Worte fanden ihn vor langer Zeit, als er sich für Exerzitien zurückgezogen hatte. Es ist dies ein Grundgedanke, der ihn seither begleitet und macht immer wieder Eindruck auf ihn. «Der Glaube schenkt mir Freude am Leben!» Und das gäbe auch Freude an Gott selber.
Post Scriptum: Hier noch das ganze Nehemia-Zitat, weil es auch zu Bruder Josef Bründler passen würde: Dann sagte Nehemia zu ihnen: Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süssen Wein! Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben; denn heute ist ein heiliger Tag zur Ehre unseres Herrn. Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.
Vgl. Gschicht zum Gsicht
Probieren, auch wenn es nicht immer gelingt

«Glaube bedeutet Weg und mein Glaubensweg gab mir Lebens-Sinn – auch wenn ich die franziskanische Spiritualität nicht immer lebe», stellt Bruder Adolf Schmitter fest. Dabei ist ihm die Aussendung der Jünger durch Jesu stets eine biblische Stelle, die ihn auf seinem Weg begleitet hat (Lk 9,1-6). «Gott kennt mich und ist mit mir», prägt seine Lebenserfahrung. «Er weiss, was zu mir passt und was nicht». Bruder Adolf erlebt sich Aug in Aug mit Gott – trotzdem, es dürfte mehr sein, ergänzt er schmunzelnd.
Wie Religion vermitteln?
Das kapuzinische Leben schickte den Kapuziner nach dem Theologiestudium und der Priesterweihe in Solothurn auf den Weg. 1963 als Katechet vom Kloster Sursee aus ins Luzerner Hinterland zu Sechstklässler. Doch wie unterrichtet man Religion ohne katechetische Ausbildung? Eine Frage, die ihn intensiv beschäftigte. Er erinnere sich noch an die Antwort von Hilarin Felder, Leiter des Theologiestudiums Solothurn, der im Entlebucher-Dialekt sagte: «Das geyht de scho»
1964 dislozierte Bruder Adolf ins Kapuzinerkloster Zug, von wo aus er Religionslehrer bei den Sekundar- und 18jährigen Handelsschülerinnen im Mädchen-Institut Maria Opferung wurde
Gleichzeitig öffnete in Luzern das neu gegründete katechetische Institut seine Tore, eine berufsbegleitende Ausbildung zur Katechetin / zum Katecheten und befähigt, Religionsunterricht zu erteilen..
Br Adolf benützte diese Gelegenheit und besuchte Kurse, die ihm halfen, methodisch abwechslungsreich und lebensnah die jugendlichen Schülerinnen zu unterrichten.
So hatte er einmal bei den 17-18 jährigen Schülerinnen eine zündende Idee. Ein Trimester lang mussten oder durften immer zwei Schülerinnen eine Religions-Stunde vorbereiten und halten zu Themen, die sie auswählen konnten oder mit denen sie sich beschäftigten. Ihm war wichtig, dass diese jungen Frauen lernten, ihre Wünsche und Probleme auch vom religiösen Standpunkt her zu hinterfragen und Lösungen zu finden. Dabei setzte sich Bruder Adolf unter die Schülerinnen und beteiligte sich an den kritischen Rückfragen. Diese Unterrichts-Methode habe den Schülerinnen gefallen.
Von 1971-1995 wechselte Br. Adolf in ein neues Arbeitsfeld. Er wurde Arbeiterseelsorger In Ob- und Nidwalden. Die Katholische Arbeiterbewegung KAB war im Aufwind in verschiedenen Pfarreien. Aufgabe von Br. Adolf war es, an den Jahresprogrammen mitzuplanen und mitzuwirken in sozialen Seminarien und Vorträgen zu aktuellen Problemen und Fragen in der Kirche und Arbeitswelt., in Diskussionen und Entscheidungen, in Gottesdiensten, Wallfahrten und Exerzitien.
Gegen Stress im Beruf und Arbeitswelt lud Bruder Adolf zur Entspannung und Ruhe in den Meditationsraum des Kollegiums St. Fidelis Stans ein. Aber auch sonst hielt er dort gerne Meditationen für und mit Gruppen. Als Einstimmung benutzte er gerne sein Lieblingsgebet vom Bruder Klaus: «Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir; gib alles mir, was mich führet zu dir; nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir».
Plötzlich Pfarreiseelsorger
Bruder Adolf, wollte nach Spezialseelsorge wie Katechese, Arbeiterseelsorge und Erwachsenenbildung - auch noch Pfarreiseelsorge erleben und mitgestalten helfen. Im neuen Gemeindeleitungsmodell der Pfarrei Ennetmoos wurde er Pfarreiadministrator und wirkte als Priester und Seelsorger in den verschiedenen Stufen, Lebens- und Glaubensphasen von den Säuglingen bis zu den Betagten. Dabei stand ihm ein Gemeindeleiter zur Seite - zuerst Hans Schelbert, der als Mitarbeiter in einer anderen Pfarrei schon etwas Pfarrei-Erfahrung hatte, Das Neue Modell Pfarreileiter und Priester findet Br. Adolf eine gute Sache, voraus-gesetzt, dass es im Team stimmt.
Nach 10 Jahren suchte Hans Schelbert ein neue Pastoralstelle. Ihn löste Markus Blöse aus Deutschland als neuen Pfarreileiter ab. Mit ihm zusammen planen und wirken findet Bruder Adolf ein Geschenk und neu auch mit der Seelsorgerin Astrid Elsener.
Die verschiedenen Tätigkeiten und Einsätze haben Bruder Adolf stets herausgefordert und auch heute noch ist er – wenn nicht im Wesemlin – in Ennetmoos zu finden, so dass Mitbrüder ihn auch schon mal fragten: «Bist du eigentlich mit Ennetmoos verheiratet». «Schon ein wenig», meinte er. Nicht zu vergessen ist, dass Bruder Adolf den heutigen Guardian vom Wesemlin ab 2011 in Ennetmoos in helvetische Kirchenverhältnisse einführte.
Ein grosser Bücher-Leser war Bruder Adolf nie. Bücher über Spiritualität und Lebenskunst vom Therapeut und Seelsorger Anselm Grün gaben und geben ihm mit, wonach sich Menschen sehnen: innere Ruhe, Seelenfrieden, Gelassenheit, Einklang mit sich selber, die eigene Mitte finden. Anselm Grün zeige auch Wege dazu auf..
Was in der Welt und Kirche geschieht, fragt er sich: was ist wirklich wesentlich? Was weiss ich? Was will ich wissen und was muss ich wissen? Da orientiert er sich hauptsächlich in den verschiedenen Medien oder Unterlagen.
Was seine Gesundheit betrifft ist er seit 2021 nach einem Zusammenbruch im Gottesdienst und anschliessendem kurzen Spitalaufenthalt stark auf Medikamente (Blutverdünnung, Altersepilepsie, Leistenbruch und anderes mehr) angewiesen. Seine beste Medizin sei aber: «Ich bin in Gott verankert und gehalten»
Was Bruder Adolf in letzter Zeit am meisten ärgert ist die Gedächtnis- und Konzentrations-Schwäche. Formulierungen fallen ihm heute schwerer. «Früher konnte ich nur noch so schwaffeln», meint er keck. Und trotzdem gibt es auch heute noch Momente, wo Bruder Adolf red- und leutselig, ja gottselig ist. Dazu wünschen wir ihm noch viele schöne Begegnungen und frohe Jahre.
Vgl. Gschicht zum Gsicht
Vertikal beten - horizontal leben

Bruder Hans Portmann, der seit fünf Monaten in Luzern lebt und vorher im Kloster Ingenbohl bei Schwestern gelebt und gewirkt hat. Juristisch gehörte er damals zum Kapuzinerkloster in Schwyz. Bruder Hans stammt aus einer Familie mit neun Kindern. „Da ich überflüssig war, wurde ich auf einen fremden Bauernhof gegeben“, erinnert er sich. „Ab der Kost“ sagte man damals. Selbst die Eltern tragen nicht, war seine Lebenserfahrung. Wenn nicht Vater und Mutter, wer begleitet dann? Bruder Hans fand in den Psalmen eine Antwort. Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf, ist in Psalm 27, Vers 10, zu lesen. Wie Schuppen fiel es ihm vor den Augen. Der HERR nimmt mich auf! Dabei ist der Betende in Psalm 27 zuerst ein Suchender, ein Rufender: Vernimm, o HERR, mein lautes Rufen; sei mir gnädig, und erhöre mich! Verbirg nicht dein Gesicht vor mir; weise deinen Knecht im Zorn nicht ab! Du wurdest meine Hilfe. Verstoss mich nicht, verlass mich nicht, du Gott meines Heiles! (Psalm 27,7-9)
In ähnlicher Sehnsucht wandte sich Bruder Hans an Gott. Und aus diesem Suchen und Schreien entstand dem Psalmbeter wie auch Br. Hans die Gewissheit: Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf. Es ist wie der Spruch Jesu in der Bergpredigt: Wer sucht, der findet (Mt 7,7). Mehrmals betont Bruder Hans, dass Psalmvers 27,10 (Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf) sein Motto ist; aber nicht ohne die Such- und Ruf-Sätze der vorangehenden Verse (7-9) zu verstehen ist. Es war und ist ein Prozess. Bald merkt Bruder Hans, dass ihm etwas fehlt. Es kann nicht nur die Ausrichtung auf Gott hin sein. «Die Horizontale Ebene fehlt», wenn nur die Ausrichtung auf Gott, die Vertikale zählt, betont er. Nur nach Oben kann keine Lösung sein.
So machte er sich auf die Suche nach Menschen. Sei dies die Gemeinschaft der Kapuziner oder im Denken der Befreiungstheologie die Armen. Bruder Hans nimmt einen Konflikt wahr zwischen der Horizontalen, die nicht immer trägt, und dem Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf, der Horizontalen. Die Horizontale ist nicht perfekt; sie ist menschlich. Spannend im Leben von Hans Portmann ist ein Berufungserlebnis. Vor dem Ordenseintritt lernte er Schreiner. Und da wurde an die Hobelbank geklopft und er zur Nachfolge eingeladen. Eine Stimme forderte ihn auf zu folgen. … das rechte Empfinden … Bruder Hans ist in der franziskanischen Spiritualität zu Hause. Doch kennt das Gemeinschaftsleben auch Konflikte. Auch darin trägt die Ausrichtung auf Gott hin.
Folgendes Gebet trug und begleitete Bruder Hans durch all die Jahre: Höchster, glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle. Besonders das rechte Empfinden betont Bruder Hans aus dem Franziskus-Gebet. Franz von Assisi hatte es in seinem Suchen im 12. Jahrhundert oft gebetet, wenn er sich in seiner Suche auf Gott hin ausrichtete. «Besonders in schwierigen Lebensphasen trägt mich dieses Gebet und die Ausrichtung auf Gott hin», ergänzt Bruder Hans nachdenklich. Die Spannung zwischen der konfliktreichen Horizontalen und der tragenden Vertikalen begleitete Bruder Hans ein Leben lang, schon im dem Theologiestudium. Bruder Hans wurde von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie sehr angesprochen und geprägt. Er verbrachte einige Jahre in Peru. Auf der Horizontalen die Armen und dann Gott, die Kraft zum Leben, auf der Vertikalen. Es blieb ihm die Erfahrung, vor Gott bin ich allein.
Der Einsatz in Peru weitet sein Denken. Bruder Hans wird grosszügiger und toleranter. Seine Kindheits- und Jugenderfahrungen prägen weiterhin: Die Eltern fehlen, Gott ist da. Mich mögen – ein Buchtipp Lesen ist nicht nur eine Leidenschaft für Bruder Hans, sondern auch ein Suchen nach Antworten zu Lebensfragen, ein wichtiges Spüren und Empfinden. Thematisch geht es oft um die Frage nach dem Leben in Gemeinschaft. Er trifft auch Menschen für geistliche Gespräche, welche ihm Weisheit vermitteln konnten. Oft zog er sich in Exerzitien, zu geistlichen Übungen zurück. Seine langjährige Erfahrung: «Soziologie und Psychologie tragen mich nicht wirklich, auch die Befreiungstheologie hat ihre Grenzen».
Vor einem Jahr wurde Bruder Hans das Buch Wie ich der wurde, den ich mag von Pierre Stutz geschenkt (Verlag bene! 2023). Besonders wichtig ist ihm heute der Satz Es ist nie zu spät so zu werden, wie wir von Anfang an gemeint sind: geborgen und frei. «Der erzählt ja meine Geschichte, das isch mis Buech», geht Bruder Hans durch den Sinn und er liest und findet sich selbst darin. «Pierre sagt nicht, du musst, du sollst. Er beschreibt und erzählt, was er erlebt hat», betont Bruder Hans. Dabei ist Pierre Stutz für Bruder Hans kein Unbekannter. Die beiden kennen sich vom Theologie-Studium her und hatten teilweise miteinander gearbeitet. Pierre Stutz hatte eine grosse Begabung mit Jugendlichen, Jugendgruppen, Jungwacht und Blauring umzugehen. Eines Tages fragte Pierre Stutz Bruder Hans, Priester, für eine Eucharistiefeier mit einer Jugendgruppe. Dabei merkte Bruder Hans, dass Pierre Stutz anders ist, andere Erfahrungen hat. Aber eben, jeder muss für sich finden: Es ist nie zu spät so zu werden, wie wir von Anfang an gemeint sind: geborgen und frei. Ein weiterer bedenkenswerter Satz von Pierre Stutz, der Bruder Hans wichtig geworden ist: Ich habe die schmerzliche und zugleich heilsame Erfahrung gemacht, dass Brüche im Leben zu einem Durchbruch zu mehr Lebendigkeit werden können. Bruder Hans erfährt mit der Auseinandersetzung dieses Buches: Es gibt nicht nur die Gottes- und Nächstenliebe, nein zuerst muss man sich auch selber lieben lernen, bevor man andere Lieben kann. Auch dies, eine wichtige Entdeckung.
Vgl. Gschicht zum Gsicht
Glauben traut der Gottes-Beziehung

Predigt vom 8. März 2026; Ex 17,3-7; Joh 4,5-42
Es gibt Menschen, die sagen, Glauben ist Noch-Nicht-Wissen. Und sobald wir alles wissen, dann braucht es keinen Glauben mehr. Ich für mich betrachte Glauben als Ausdruck einer Beziehung, nämlich unserer, meiner Gottes-Beziehung sowie Menschen-Beziehungen und nicht als Ausdruck meines Noch-Nicht-Wissens. Glauben hat mit erlebten und gepflegten Beziehungen zu tun. Dabei erfahre ich Gott unter anderem als den Anderen, das Geheimnis, die Liebe, den Barmherzigen, usw.
Selbst in menschlichen Beziehungen erfahre ich dieses Geheimnishafte – je mehr ich jemanden kenne oder sogar liebe, desto mehr Fragen habe ich. Es zeigt sich Interesse. Nicht-Wissen, Offensein ist also auch ein Ausdruck von Liebe und Aufmerksamkeit dem anderen gegenüber. Niemand wird gerne in Schablonen gepresst. Vermutlich auch Gott nicht. Schon in der Bibel begegnen uns unterschiedliche Geschichten und Bilder menschlicher Gottesbeziehungen. Und dann erst in unserem Alltag?!
Gottes-Glauben lebt von Fragen, nämlich von Beziehungs-Fragen. Im Buch Exodus (17,3-7) hörten wir einige Fragen vom Volk wie auch von Mose. Gott antwortet und handelt, so erzählt es die Bibel. Den Ort nannte Mose Massa und Meríba, Probe und Streit, weil die Israeliten gehadert und den HERRN auf die Probe gestellt hatten, indem sie sagten: Ist der HERR in unserer Mitte oder nicht? Ex17,7 Und diese Frage des Volkes erachte ich als legitim und stellen auch wir vermutlich ab und zu: Ist Gott in unserer Mitte oder nicht? Wirkt Gott in der Kirche? Prägt diese Gottes-Beziehung mein eigenes Leben? Und eben, auch Konflikte gehören ab und zu in eine lebendige Beziehung. Erst so werden Klärungen möglich. Ich als harmonischer Mensch gehe Konflikten lieber aus dem Weg. Sie beanspruchen viel Kraft und Mut. Und trotzdem ohne das Aushalten von Konflikten gibt es keine Beziehung, keine Gottes-Beziehung.
Die lange Perikope aus dem Johannes-Evangelium, die wir heute gehört haben, kennt drei Gesprächs-Situationen Jesu. Zuerst eine ausführliche Diskussion mit der Frau aus Samárien, eine hoch-theologische Jünger-Belehrung und eine Begegnung mit den Menschen aus Samárien, die dank der Frau zum Glauben finden.
In allen drei Gesprächs-Situationen werden auch schwierige Fragen aufgeworfen. Die Samaríterin weiss um Jesu Jude-Sein und sein jüdisches Kontaktverbot mit Samarítern. Jesus weiss um die verzwickte persönliche Lebenssituation der Frau. Im Gespräch mit der Fremden offenbart sich Jesus als der Messias. Die Samaríterin hört und handelt: Aus jener Stadt kamen viele Samaríter zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin, … (Joh 4,39).
Die Frau aus Samárien wird durch ihr Zeugnis die Apostelin der Samáritaner. Irgendwie bin ich hier an Ostern erinnert und an das Osterzeugnis der Frauen am Grab. Die Samaritaner glauben jedoch, weil sie selbst in diese Beziehung mit Jesus, mit Gott eintreten. Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Rede glauben wir, denn wir haben selbst gehört und wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt. (Joh 4,42) Wie das Volk Israel entwickeln die Samaritaner im Evangelium ein Gott-Beziehungs-Wissen. Doch auch hier, Fragen und Antworten. Sie gehören zum Weg in eine Beziehung.
Und eben: Es gibt Menschen, die sagen, Glauben ist Noch-Nicht-Wissen. Und sobald wir alles wissen, dann brauchen wir keinen Glauben mehr. Ich für mich betrachte Glauben als Ausdruck einer Beziehung, nämlich unserer, meiner Gottesbeziehung und nicht als Ausdruck meines Noch-Nicht-Wissens. Glauben hat mit erlebter und lebendiger Beziehung zu tun. Und da braucht es meinen Glauben sowohl an Menschen wie an Gott und immer wieder viel Beziehungsarbeit. Viel Kraft, Mumm und Geduld trotz Konflikten, Streit und Proben wünsche ich uns. Amen.
Vom Sandkastenfreund zum Variété Direktor




Vor Jahrzehnten erlebten wir unsere Abenteuer im Sandkasten. Heute staune ich über den Feuerkünstler. Raffi Kost habe ich für ITE 2026/1 besucht und einen Artikel geschrieben, v.a. viele wunderbare Fotos mit nach Hause genommen. Hier mein Artikel zu "Ich spiele am liebsten in der Nacht".
Rafael Kost ist Direktor von Variété Pavé und lebt als Unterhaltungskünstler in einem Zirkuswagen. Vor allem in der wärmeren Jahreszeit tourt er durch die Schweiz – und manchmal auch im Ausland. Im November 2025 besuchte ITE ihn am Weihnachts-Zirkus-Zauber in Russikon. Ein Erfahrungsbericht.
Am Nachmittag hat es geschneit und Russikon zeigt sich im weissen Winterkleid. Im Märliland, beim Kerzenziehen lautes Kinderlachen, das Karussell dreht seine Runden. Im Variété Pavé ist es ruhig. Die Nachmittagsvorstellung ist vorbei und Schnee setzt sich an den Rändern der Manege an. Gegen halb fünf, es dunkelt ein, erscheinen die ersten Familien und setzen sich gespannt. Der Direktor des Varietés erscheint mit einem grossen Schaber und beginnt Schnee und Wasser von der Manege zu entfernen. Die Artisten und Artistinnen brauchen guten Halt für ihre Kunststücke. Familien und vor allem Kinder warten aufgeregt und voller Neugierde. «Es gibt Kinder, die kommen fast täglich zum Varieté», erzählt mir Rafael Kost später, nach der Vorstellung.
Feuerwehr und Feuerkünstler
Rafael Kost ist Feuerkünstler. «Feuer ist ein Lebewesen, wie ein wildes Tier», beschreibt der Feuerbändiger sein Verhältnis zu seinem Kunstobjekt. Dabei ist jeder Moment einzigartig, und vor allem der Wind spielt stets mit auf der Bühne. So muss er immer achtsam sein, was das Feuer gerade im Sinn hat.
Die Vorstellung beginnt, eine Gauklerin mit Feuerwehrhelm betritt lautstark die Manege. Auf lustige und unterhaltsame Weise versucht sie, die Feuer-Sicherheit auf der Bühne zu erklären. Und dann erst noch all die Mühen mit der Leiter, die nicht so will wie die Gaukler-Feuerwehr-Frau will. Kinder und Erwachsene lachen laut, und die Gauklerin hat das Publikum schnell im Sack. Kinder, welche die Aufführung schon mehrmals gesehen haben, fiebern dem nächsten Höhepunkt entgegen. Der Schnee fällt nicht mehr vom Himmel, es dunkelt ein und wird Nacht. Mit aller Not kann die Gauklerin die Leiter zusammenlegen und von der Bühne tragen.
«Feuer fasziniert in der Nacht speziell.»
Zwei Artisten, ein Mann und eine Frau, stürmen in die Manege und zeigen ebenfalls ihre hohe Kunst. Die Scheinwerfer fokussieren auf das Geschehen. Die beiden Künstler stehen im Lichtkegel, rundherum ist es dunkel. Dunkelheit kann eine Hilfe sein, sich auf ein spezielles Geschehen zu konzentrieren. Jetzt ist es nicht mehr lustig, eher mystisch und poetisch. Ruhigere Musik und sachte Bewegungen erfüllen den Lichtkegel. Zuschauende kommen ins Träumen und Nachdenken.
Plötzlich steigt die Spannung. Was macht die Artistin mit dem Reifen in weiten Höhen? Hoffentlich hat sie die Situation im Griff und fällt nicht herunter! Die Zuschauer sehen nur noch die Frau und ihre Bewegungen mit dem Reifen in der Luft. Alles andere verschluckt die Dunkelheit. Welch eine Grazie. Welche Anmut.
Feuer lebt
Die Gaukler-Feuerwehr bringt sich in Stellung neben dem Direktor des Varietés. Nun hat dieser Feuerkünstler ein spezielles Tischen vor sich und bald fliegt das Feuer durch die Luft. An Ringen und Stäben brennt und wirbelt es durch die Luft. Die Zuschauenden klatschen begeistert und freuen sich ausgelassen. Rafael Kost kommentiert später im Gespräch: «Feuer fasziniert in der Nacht speziell». Schon als Kind hat er mit Wundbenzin seine ersten Künste eingeübt. Okay, einmal hat mehr gebrannt, als geplant war.
Die Spannung steigt. Der Direktor führt einen brennenden Stab zu seinem Mund. Es wird still und alle halten den Atem an. Ein kleines Mädchen sagt besorgt zu ihrem Vater: «Papi, brennt er sich nicht?» Dann schnappt der Direktor den Stab mit dem Mund und das Feuer ist erloschen. Erleichtertes klatschen erfüllt die Zuschauer-Tribüne und die Besorgten sind erleichtert. Welch ein Schreck, als der Direktor Feuer speit und der Stab neu entflammt. Ein Spiel mit den Emotionen.
Heute spaziert Raphael Kost sehr gerne in der Nacht und spürt in die Dunkelheit hinein.
Rafael Kost besuchte, so erzählt er mir nach der Vorstellung, zuerst eine Ausbildung zum Fotolaboranten (noch vor dem digitalen Zeitalter). Da arbeitete er sehr gerne in der Dunkelkammer und lernte, sich im Dunkeln zu bewegen und zu hantieren. Heute spaziert er sehr gerne in der Nacht und spürt in die Dunkelheit hinein: Nachts im Wald, wie ein Blinder, auf Überraschungen gefasst. «Die Sensoren werden sensibler. Und manchmal stolpert man in einen Baum hinein», erzählt er begeistert. «Ja, ich bin ein Nachtmensch und viele seiner Ideen entstehen in der Nacht.»
Auftritte und weiteres: https://www.variete-pave.ch/


Ich verkünde den Gekreuzigten

Vom 16. bis 28. Februar bin ich wieder mit der Zürcher Telebibel unterwegs. Hier können die Inspirationen heruntergeladen werden. Der Prediger Paulus sieht sich nicht als guten und weisen Prediger; Jesus Christus wird als der Gekreuzigte verkündet und Fasten meint primär einmal Gerechtigkeit. Da scheint die Bibel völlig aus der gegenwärtigen Welt der Erfolgreichen, Mächtigen und Egomahnen herauszufallen. Und trotzdem, je mehr ich mich mit diesen biblischen Gedanken auseinandersetze, desto mehr gefallen sie mir. Ja, sie sagen etwas in meine, in unsere Lebenssituation hinein. So kann ich mich selbst mit dem Gekreuzigten einigermassen versöhnen.
Ach ja, das müsste eigentlich nichts Neues sein. Schon Hans Küng erzählte vor fünfzig Jahren davon, dass sich die Jünger und Jüngerinnen nach der Kreuzigung Jesu von Nazareth zurückzogen, Gott aber dann Neues schuf - und dieses Neue uns bis heute faszinieren kann. Aber bis heute hat sich Gott selber nicht als der Mächtige, Umstürzlerische geoffenbart. Vielleicht als derjenige, der stets neu Leben ermöglicht und schafft.