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Ein geistliches Testament

17. Mai 2026
Ein geistliches Testament

Predigt vom 17. Mai 2026; Johannes-Evangelium 17,1-11a; Testament Franz von Assisi. 

Liebe Mitfeiernde, haben Sie Ihr Testament geschrieben? Alles geregelt für den Todesfall? Es ist ein grosser Papierkrieg – auch für Kapuziner. Jeder Bruder muss dem Guardian ein Vademecum ausfüllen. Schon die Anleitung dazu hat 18 Seiten. Als ehemaliger Guardian von unserem Pflegekloster in Schwyz kann ich ihnen sagen, dass solche Dokumente erstens sehr wichtig sind und zweitens nur von lebenden Menschen, die noch einigermassen fit sind, geschrieben werden können. Leider verpassen einige den richtigen Zeitpunkt dazu. Deshalb finden wir in Facebook häufig noch Seiten von Menschen, die schon lange verstorben sind und niemand zu löschen weiss. Oder man schreibt E-Mails an Menschen und bekommt keine Antwort. Jahre später erfährt man, dass diese Person verstorben ist. 

Hier die Liste der offiziellen Dokumente für das Guardianat … durchgehen und besprechen. Seite vier von VADEMECUM Wenn Brüder sterben: Offizielle Dokumente für das Guardianat.

Liebe Mitfeiernde

Zurecht fragen Sie sich vermutlich, warum diese Auslegeordnung am heutigen Sonntag. Was hat das mit diesem Gottesdienst zu tun? 
Wir haben heute im Johannes-Evangelium eine Abschiedsrede Jesu gehört. Jesus verteilt keine Patientenverfügung und Vollmachten. Aber der noch lebende Jesus regelt vor seinem Tod einiges über seinen Tod hinaus. Und sinnigerweise lesen und hören wir diesen Text in der Osterzeit, d.h. nach Tod und Auferstehung, aber noch vor der Geistgabe. Also am letzten Ostersonntag. Eigentlich wie bei uns Kapuzinern. Die Dokumente und Willensäusserungen lagern beim Guardian und werden nach dem Tod des betreffenden Bruders hervorgenommen. 

In Johannes 17,1-11a hörten wir von Jesus ein geistliches Testament in einer Abschiedsrede. Darin formuliert Jesus von Nazareth seine innige Vater-Beziehung, respektive Gottesbeziehung. Z.B. die Verse 7 und 8:

7 Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist. 8 Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen. Sie haben wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.

Jesus von Nazareth möchten uns, uns Menschen, Männer und Frauen, über den Tod hinaus mitgeben, dass er und sein Vater eins sind und er uns weitergegeben hat, was ihm von Gott aufgetragen wurde. In dieser Abschiedsrede höre ich einen Menschen, der seinen Lebensauftrag erfüllt hat und bereit ist zu gehen. Im abschliessenden Vers 11a lesen wir: Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt und ich komme zu dir. Jesus von Nazareth kann loslassen und nimmt uns, Christen und Christinnen, in die Pflicht. Da bin ich froh, dass wir kommenden Sonntag Pfingsten feiern. Geistliche Unterstützung habe ich, haben wir unbedingt nötig in der Jesu-Nachfolge, im Tun von Gottes Willen, im Wirken für das Reich Gottes.

Und zusätzlich nehme ich vom heutigen Evangelium den Begriff «geistliches Testament» mit. Stimmt, wir müssen vor dem Tod vieles regeln und planen. Doch wäre es auch wichtig und spannend zu formulieren, was mir, den Brüdern, Ihnen im Leben wichtig war, vielleicht auch wichtig wurde. Und ein schönes Beispiel finde ich bei Franz von Assisi, der kurz vor dem Tod ein geistliches Testament geschrieben hat. Und das beginnt mit: 

So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Busse zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. 2Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. 3Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süssigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verliess die Welt.

Mir sind diese Zeilen eines Franz von Assisi wichtig, vor allem, wenn ich sehe, dass da schon früh umgedeutet – und ich meine – verfälscht wurde. Franz von Assisi beschreibt eine eminent wichtige Lebensveränderung, die stattfindet, weil er häufig zu Aussätzigen ging und sich für diese Menschen konkret eingesetzt hat. Durch sein Tun erlebt er eine prägende Mentalitäts-Veränderung. Und diese finde ich theologisch wie auch spirituell sehr wichtig. Gutes Tun verändert mich, mein Denken und Fühlen. Tun und nicht Hokuspokus!

Liest man Biografen und einige heutige Theologen, dann geht es plötzlich nur noch um einen Aussätzigen – nicht mehr um viele; es geht um einen Kuss; da kommen Engel vor; es werden Münzen statt Esswaren verteilt und es geschehen Wunder. Von all diesem spirituellen Hokuspokus schreibt Franz von Assisi nichts! Nein, er hat meiner Erfahrung nach eine sehr gesunde, erdnahe Spiritualität, die ich nachvollziehen kann, keine komische Frömmigkeit! Danke für dein Testament, lieber Franz!

Liebe Mitfeiernde

So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Busse zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süssigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verliess die Welt.

Oder Abschiedsrede von Jesus von Nazareth

7 Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist. 8 Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen. Sie haben wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.

Und Sie? Liebe Mitfeiernde, haben Sie ihr geistliches Testament schon geschrieben? Was war und ist Ihnen mitteilungswürdig in ihrem Leben? Was wurde Ihnen wichtig? Wo hat sie Gott, uns Vater und Mutter, berührt, mitgenommen, verändert, zum Leben bekehrt? Was möchten Sie mit ihrem Leben bewirken, weitergegeben? Ich kann ihnen garantieren, solche Antworten interessieren Nachkommen sehr. Als Guardian war ich stets erstaunt, was sich da noch nachträglich von meinen Mitbrüdern offenbarte. Das hätte ich oft gerne vorher schon gewusst. Und als Journalist war ich ab und zu erstaunt, wie ich da über gesammelte Zeitungs-Artikel der Brüder, häufig Gedanken eines geistlichen Testamentes fand. Oder auch gesammelte Predigten; und viele Erzählungen, welche man sich weitergab. Und trotzdem, was war nun die Lebens-Intention des Verstorbenen? Das sagt nur ein geistliches Testament. Amen.