Für wen haltet ihr mich?

Predigt vom 23. August 2026; Mt 16,13-20
Wie viele Hüte tragen Sie? Christ:in, Katholik:in; Schweizer:in; Mutter, Vater, Onkel, Tante; Handwerker:in; Autofahrer:in; Velofahrer:in. Nein, ich Adrian trage nicht alle diese Hüte, aber mehr als genug. Glücklicherweise konnte ich vor einem Jahr mit dem Wechsel ins Kloster Wesemlin in Luzern einige meiner Hüte abgeben. Doch haben mich in den letzten Jahren einige Hüte ziemlich beschäftigt. Die Schweizer Kapuziner haben mit einer Organisationsberaterin ihre Strukturen neu aufgebaut. Und häufig hörte ich an den Sitzungen: „Mit welchem Hut, aus welcher Funktion sagst du das?“ Und es gab einige Hüte, die für mich zur Auswahl standen: Guardian von Schwyz, Provinzrat, Chefredaktor ITE, Kapuziner, Medienfachmann. Hut ist nicht gleich Hut. Guardian eines Klosters gibt es nur einmal. Er ist zeitlich beschränkt. Provinzräte gibt es deren vier. Dabei sind das auch Hüte auf Zeit. Diese beiden Hüte durfte ich vor einem Jahr abgeben.
Liebe Gesalbte, liebe Christen und Christinnen, „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?» Würden sie mir nun beispielsweise «Bruder Adrian» sagen, dann wäre das schön. Doch in Fribourg gibt es sogar einen berühmten Kapuziner mit Namen «Bruder Adrian». Als ich in Solothurn war, gab es noch einen dritten «Bruder Adrian» vor Ort. Darum hatte ich ordensintern den Rufnamen «Bruder Ädu». Das war vermutlich ein Unikat. In Rom versuchten sich Brüder aller Sprachen mit Ädu, meistens wurde Adü gesagt.
«Du bist der Christus», sagt Petrus zu Jesus. In den Vorlesungen beim berühmten Judastiker Clemens Thoma habe ich vor gut dreissig Jahren gelernt – Gedächtnisunsicherheit klammern wir hier aus – dass die Römer zwischen 30 und 50 nach Christus mindestens fünf Menschen, die Christus genannt wurden, gekreuzigt haben. Als ich in den letzten Tagen im Internet kurz recherchierte, dann fand ich lange Listen von Menschen, die damals als Christus bezeichnet wurden. Das war damals kein exklusiver Titel.
Ach ja, die meisten hier im Raum werden sich auch als Christen oder Christinnen bezeichnen. Christus, latinisierte Form von altgriechisch Χριστός Christos bedeutet aus dem Griechischen übersetzt der/die Gesalbte. Petrus sagt also, Jesus sei der Gesalbte. Nun aus dem Alten Testament kennen wir einige Personen, die auch gesalbt wurden. Und wir Katholiken und Katholikinnen sind meistens auch sakramental gesalbte Menschen. Können Sie sich noch erinnern als der Bischof bei der Firmung ihren Namen sagte, mit Chrisam ein Kreuz auf ihre Stirne salbte und sagte: xy sei besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist. Darum: Willkommen im Club der Gesalbten. Und dann erst noch unsere Selbstbezeichnung. Sie sind eine Christin, er ist ein Christ. Wir bezeichnen uns als Gesalbte in Abgrenzung von anderen Religionen. Wir sind Christen, von Gott Gesalbte. In Apostelgeschichte 11,26 wird erstmals von Χριστιανοί (Christianói, Gesalbte, Christen) geschrieben.
Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Petrus gibt Jesus zwei Hüte: Christus und Sohn des lebendigen Gottes. Das Neue Testament kennt noch andere Titel oder Hüte für Jesus von Nazareth: Menschensohn, Sohn Gottes, Sohn Davids, Messias usw. Viele Neutestamentler:innen halten den Menschensohn-Titel für eine Selbstbezeichnung des historischen Jesus. Auch unsere Zeit hat Jesus von Nazareth noch weitere Hüte gegeben: Heiler, Heiland, Retter, Rebell, Sündenvergeber, Versöhner, Erneuerer, Therapeut …
Schon die synoptischen Evangelien sind sich an dieser Stelle nicht einig: Dem Jesus des Matthäus-Evangeliums werden in unserer Perikope zwei Titel zugesprochen: Christus, Sohn des lebendigen Gottes. Und der matthäische Jesus ist sehr glücklich damit: Jesus antwortete und sagte Petrus: Selig bist du, Simon Barjóna; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Der matthäische Jesus wollte also vor allem Christus und Sohn des lebendigen Gottes sein. Mir gefallen beide Bezeichnungen sehr und vor allem die ungewohnte Einfügung «lebendig». Ja, ein lebendiger, Leben spendender Gott steht da im Hintergrund
Warum ich matthäischer Jesus betone? Bei Lukas steht: Petrus antwortete: Für den Christus Gottes (Lk 9,20). Bei Markus wiederum: Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Christus (Mk 8,29). Wir sehen, schon vor zwei Tausend Jahren; drei Evangelien, drei ein wenig unterschiedliche Antworten. Matthäus: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Lukas: Für den Christus Gottes. Markus: Du bist der Christus. Aber wichtig war allen drei der Christus-Titel für Jesus von Nazareth. Und noch ein interreligiöser Hinweis, weil ich ihn spannend und fast etwas katholisch finde. Im Koran sprechen über hundert Stellen von "Isa ibn Maryam" (Jesus, Sohn der Maria). Dieser Hut könnte direkt katholisch sein – besonders wenn ich hier im Wesemlin zum Haupt-Altar mit Maria und Jesuskind schaue.
Liebe Gesalbte, Christen und Christinnen
Vier Punkte nehme ich vom heutigen Tagesevangelium mit:
1. Schon zur Zeit Jesu von Nazareth fragen die Menschen nach Jesu Hüten, seiner Bedeutung. Sie nehmen Hüte die ihrer Zeit bekannt sind.
2. Der Gesalbte oder eben der gesalbte Gottes nehmen auf Gott Bezug. Es ist kein nur weltlicher Hut, den Jesus hier trägt. Glaubende Menschen bauen auf Gottes Hilfe und Wille.
3. Auch wir sind stets wieder herausgefordert uns zu fragen, wer dieser Jesus von Nazareth für uns, für mich ist. Manchmal sind solche Hüte dann persönlich (Sohn des lebendigen Gottes) oder eben auch kulturell (Christus) mitgeprägt.
4. Auch wenn wir wollten, Jesus bringen wir nicht auf den Punkt. Eine gewisse Unschärfe und Vielfalt bleibt. Doch würde ich stets eine Beziehung zu Gott, dem Vater, einfordern.
Was ich Jesus für eine Antwort heute geben würde? Schwierig.
Du bist unser von Gott berufene heilsame und inspirierende Bruder, vielleicht? Wichtig scheint mir, dass ich mich, dass wir uns von Jesus von Nazareth stets neu die Frage stellen lassen muss, müssen: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?» Damit ist übrigens nicht gesagt, dass die anderen falsch waren.
Last, but not least: Welches ist in Ihrem Leben Ihr Lieblingshut? Vielleicht auch, welche Hüte könnten Sie gut missen?