Vielfalt dank Paulus

Predigt zu Erscheinung des Herrn für franziskanische Leitungspersonen, 4. Januar 2026; Eph 3,2-6; Mt 2,1-12
Liebe Vorstehende, Vorstände und geistliche Assistenten; liebe franziskanische Miterben, liebe (Mit)Glieder der Franziskanischen Gemeinschaft. Vielfalt fordert uns heraus und ist für gelebte Geschwisterlichkeit eine echte Aufgabe. Inhaltlich ist Vielfalt im christlichen Leben nichts Neues. Schon Paulus hatte für sie zu kämpfen. Im Epheserbrief sagt er dies seinen jüdischen Geschwistern nicht zimperlich: die Heiden sind Miterben und gehören zum denselben Leib (3,6-7). Miterben finde ich einen sehr starken Ausdruck für Fremde, Heiden, Nicht-Juden, die Anderen – andere sprächen von Ausländern und Migranten. Nicht einmal der Jude Jesus hatte zu Lebzeiten wie Paulus gedacht und gehandelt. Jesus von Nazareth fühlte sich zuerst einmal für sein jüdisches Volk gesandt. Paulus war eben der vom Geist berufene Heiden-Apostel. Und dank der Vielfalt der Völker, welche Paulus einfordert, können auch wir Helvetier, Schweizer, Miterben, unbeschnittene Christen und Christinnen sein.
Die Leibmetapher des Paulus ist ein sehr schönes Bild. Kirche als Leib mit vielfältigen Körperteilen und Organen beinhaltet Vielfalt. Für uns franziskanische Menschen bedeutet Teilhabe am franziskanischen Leib, gemeinsam zur selben Bewegung zu gehören und vielfältige Gaben einzubringen. Schon Franz von Assisi musste von einigen seiner Idealen Abschied nehmen, um der Vielfalt seiner Bewegung Rechnung zu tragen. Franziskus ging sogar so weit, dass er nach der Rückkehr aus dem heiligen Land seine Leitungsfunktion abgab, um sich intensiver seiner spirituellen Aufgabe zu widmen – innerhalb und ausserhalb seines Ordens. In der franziskanischen Bewegung gibt es unterschiedliche Glieder, Gaben, Charismen und Aufgaben. Franziskus sah sich nicht zur Leitung berufen und übergab diese Aufgabe mehreren Menschen. Welch eine Demut und Einsicht! Und schaut man sein Bild vom vollkommenen Bruder an, dann besteht dieses Bild für Franz von Assisi aus zehn Brüdern (Bernhard, Leo, Angelus, Massäus, Ägidius, Rufinus, Juniperus, Johannes, Rogerius, Lucidus) und ihren Fähigkeiten und Charaktereigenschaften! (Vgl. Spiegel der Vollkommenheit 85, FQ 1285-1286). Einfach genial! Man muss seine Geschwister also gut kennen.
An Erscheinung des Herrn feiern wir die zweite Weihnachten und fühlen uns besonders mit den Ostkirchen verbunden, die Anfang Januar ihre echten Weihnachten feiern. Im Festtagsevangelium geht es um die Sterndeuter, die aus dem Osten nach Jerusalem kamen. Also sicher nicht Juden und keine Zugehörige vom Volk Israel. An der Krippe begegnet uns im Matthäus-Evangelium schon die Vielfalt der Völker und der Menschen.
Bei Matthäus hörten wir: «Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr grosser Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm» (Mt 2,10-11). Interessanterweise fanden die Weisen nicht direkt zum Jesuskind. Warum nicht?
Die Weisen erwarteten das Heil, den neuen König in einem Palast, bei Reichen und Mächtigen. Erst als sie wieder ihrem Stern und später ihrem Traum Beachtung schenkten und vertrauten, fanden sie auf den Weg zur Krippe und in ihre Heimat zurück. Auf dem Weg zur Krippe muss man weder auf Könige noch auf Schriftgelehrte und Hohenpriester achten – auch wenn Theologen manchmal auch Wichtiges zu sagen haben. Die drei Weisen mussten gemeinsam (das scheint die erste franziskanische Bruderschaft zu sein?) auf den Stern schauen, um die Krippe zu finden. Auch mussten sie ihre Vorstellungen in Frage stellen und wegwerfen. Nicht in Palästen und nicht militärisch geschützt findet sich das Heil, sondern draussen im Stall, bei Menschen, die unterwegs sind, finden wir das Kind in der Krippe. Ein Thema, das mich heute sehr beschäftigt. Frieden und Gewalt unter uns Menschen? Wie geht das? Aber nicht naiv! Weder die Weisen noch Josef handelten dumm, sondern mit Gottes Hilfe überlegt!
Ich weiss nicht, wie viele Nächte Maria, Josef und Jesus im Stall in Bethlehem gehaust haben. Kaum angekommen, hat Maria geboren, und bald musste die Familie weiterziehen, ja vor der drohenden Macht fliehen. Josef war achtsam auf seine Träume, wie es auch die Weisen waren. Mir kommt die franziskanische Itineranz in den Sinn und ich lande bei Paulus, der durch Veränderung unser Christsein erst ermöglichte. Könnte es nicht bequemer und gemächlicher sein?
Interessanterweise haben wir im Evangelium eine Vielfalt der Träume. Und diese Vielfalt war wichtig. Die Weisen träumten von einem anderen Weg als dem geplanten Besuch bei Herodes. Josef träumte vom Aufbruch, von Flucht und Sicherheit in einem fremden, unbekannten Land. JedeR muss seinen Traum auch leben. Lebensgeschichten sind farbig und persönlich.
Liebe Miterben, franziskanische Brüder und Schwestern, vielleicht ist es an der Zeit, auch selbst wieder einmal auf unsere vielfältigen Träume zu achten, sich diese gegenseitig auch anzuvertrauen und vor allem zu leben. Das könnte unserem geschwisterlichen Leben und Zeugnis Impulse und Farben auf den Weg geben. Vielleicht hat der heutige Tag solch gemeinsames Träumen ermöglicht. Ich hoffe es. Oft sind Träume, nicht nur fremde Träume, eine Herausforderung. Die Träume der Weisen und von Josef zeugen von keinem gemütlichen Leben. Die Sterndeuter aus dem Osten und die heilige Familie wurden durch ihre Träume herausgefordert und auf den Weg, auf unerwartet andere Stecken gesandt. Einen guten Weg und viel Mut uns und unseren Gemeinschaften im Segen Gottes, das wünsche ich mir heute, ganz besonders. Amen.