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Franziskanische Wald-Spiritualität

06. September 2026

Predigt vom 6. September 2026, Wesemlinwald-Kapelle

Liebe Wesemlianer und Hergereiste, ich freue mich hier im Wald mit euch Gottesdienst zu feiern. Da wir in der wunderbaren Kapelle zu wenig Platz haben, draussen unter freiem Himmel. Diese Gebetssituation erinnert mich an Franz von Assisi und seine Geschwister vor 800 Jahren. In den franziskanischen Anfängen hatten die Brüder oft eine kleine Kapelle im Wald erhalten und lebten unter den Bäumen um die Kapelle herum. Aus Zweigen bauten sie sich kleine Schutzhütten, um gegen den Regen und wilde Tiere ein wenig Schutz zu haben. Im Wald lebten und beteten sie und gingen für die Arbeit oft in die nahe Stadt. 

Poggio Bustone und vor allem die Portiunkula, die Wiege des franziskanischen Lebens, kommen mir besonders in den Sinn. Die Portiunkula lag eine Stunde Fussmarsch von der Stadt Assisi entfernt, im grossen Wald in der Ebene. Und für Bruder Franziskus war es wichtig, eine schlichte Kapelle zu haben und in Holzhütten und ja nicht Steinhäusern zu wohnen. Holz ist ein lebendiges und vergängliches Material. Das sollte ein Sinnbild für das menschliche Leben sein. Pilger sind wir auf Erden, bis wir eines Tages in die Gegenwart Gottes eingehen. «Pilger und Fremdlinge» schreibt Franz von Assisi. Unsere gemeinsame Heimat liegt in Gott. 

Nun, nicht alle Ideen eines Franziskus haben sich durchgesetzt. Auch hier im Wesemlin leben die Kapuziner und Klostergeschwister heute in einem aus Stein gebauten Kloster. Zum Glück ist der Neubau im Klostergarten, «Francesco», ein wunderbarer und preisgekrönter Holzbau. Doch haben sich in der Wesemlinwald-Kapelle wie auch in der Kapuzinerkirche im Wesemlin einige dieser Holz-Gedanken durchgesetzt und erhalten! Wissen Sie, wieso viele Kapuzinerkirche im Innern nur aus Holz gebaut sind? Weil sich darin die Erinnerung eines Franz von Assisi und seine Wertschätzung des lebendigen Holzes zeigt. So sind heute die meisten Kapuzinerkirchen der Schweiz im Innern mit Holz dekoriert. Man spricht vom sogenannten Kapuzinerbarock in Abgrenzung marmorner Steinkirchen der reichen Leute. Stimmt, es wurde neben dem Holz auch Blattgold verwendet, um den Ort für Gott zu schmücken. Das Holz ist franziskanisches Identitätsmerkmal. Auf Erden Pilger, im Himmel zu Hause.

Heute entdecken viele Menschen den Wert des Waldes wieder neu. Es zieht einen hinaus zu den Bäumen, unter die Bäume und etliche umarmen die Bäume von Zeit zu Zeit. Ja, auch ich bin immer wieder sehr gerne im Wald. Wenn ich manchmal erschöpft bin, dann lege ich mich unter einen Baum und lasse mich mit neuen Kräften und Energien beschenken. Wunderbar. Ach ja, wissen Sie, wieso wir Kapuziner heissen? Weil wir grosse Kapuzen haben. Wegen den grossen Kapuzen spricht man von Kapuzinern. Doch wieso Kapuzen. Diese kann man im Wald über den Kopf ziehen und meditiert ungestört. Die Kapuze kann dem Betenden etwas Schutz gewähren. Oft sieht man Jugendliche mit Kapuzenpullovern. Auch sie haben von Zeit zu Zeit das Bedürfnis die Kapuze hochzuziehen. Ihnen fühle ich mich verbunden.

Im Wesemeliwald steht die Wesemlinwald-Kapelle und eine Stiftung sorgt für diesen wunderbaren Ort. Ja, der Wald selbst ist schon ein heiliger und kraftspendender Ort. Und die Wesemlinwald-Kapelle macht deutlich, dass es hier eine Verbindung zu Gott gibt, zu Gott, der uns als Gemeinschaft zusammenführt, der uns geschaffen hat und nach einem geschenkten und gelebten Leben auch wieder erwartet. 

Im Römerbrief hatte uns Laura Grüter Bachmann vorgelesen:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Vgl. Röm 13,8-10)

Im Tagesevangelium (Vgl. Mt 18,15-20) hörten wir:
19 Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. 20 Denn wo zwei oder drei in versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Auch die Wesemlinwald-Kapelle fügt zum persönlichen, individuellen Gehen im Wald die Gemeinschaft hinzu. Und so hatten es auch Franziskus und die Brüder an ihren frühen Orten, wie beispielsweise modellhaft in der Portiunkula gelebt. Fürs Meditieren verteilten sie sich im Wald unter Bäumen und in Höhlen. Von Zeit zu Zeit versammelten sie sich wie wir in oder um die Kapelle zum gemeinsamen Singen und Lobgottes. Denn auch in der Portiunkula haben vielleicht fünfzig Leute Platz in der Kapelle, aber es versammelten sich schon vor 800 Jahren jährlich Tausende fürs Pfingstkapitel. 

Liebe Wesemlianer und Hergereiste

Schön ist es hier den Wald zur Erholung und fürs persönliche Meditieren zu haben. Wunderbar ist es auch, sich von Zeit zu Zeit gemeinsam hier als betende Gemeinschaft bei der Wesemlinwald-Kapelle zu versammeln. Wir sind Pilger auf Erden und werden uns eines Tages alle gemeinsam in der Gegenwart Gottes wieder treffen, wie an diesem Ort hier. Dank sei Gott, dank sei euch für die Gemeinschaft. Amen.