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Eine Lebensphase entfaltet sich

17. November 2025
Umworbene Senioren und Seniorinnen

Aus ITE 2025/4, Umworbene Senioren und Seniorinnen

Menschen in der Schweiz werden in den letzten Jahrzehnten immer älter. Hinzu kommt, dass Menschen in der Schweiz auch im Alter oft lange gesundheitlich recht gut in Form sind. Alter bedeutet nicht nur Leiden und Einschränkungen, sondern oft auch Gesundheit, finanzielle Unabhängigkeit und viele Freiheiten. Eine Auslege-Ordnung.

Adrian Müller

Als ich vor bald dreissig Jahren Erziehungswissenschaften studierte, da war es unbestritten, dass die meisten entwicklungspsychologischen Bücher entlang der acht Stufen der psychosozialen Entwicklung von Erik H. Erikson und Joan Erikson aufgebaut waren. Stadium 6 ist das frühe Erwachsenenalter, Stadium 7 war das Erwachsenenalter und Stadium 8 das reife Erwachsenenalter. «Ich bin, was ich mir angeeignet habe.» war der Merksatz fürs reife Erwachsenenalter.

Eriksons Modell ist diskutiert

Doch schon damals wurde dieses Modell vor allem in den Medienwissenschaften heiss diskutiert. Das reife Erwachsenenalter hat auch viele Chancen, und man kann das Alter nicht nur auf Rückblick und Vorschau auf den Tod begrenzen. Reife Menschen sind häufig interessierte, gut zahlende und kritische Mediennutzer. Und darum für Zeitungen und Fernsehen eine wichtige Zielgruppe – Rezipienten und Rezipientinnen in der Mediensprache.

Gerne wurde damals auch darüber nachgedacht und behauptet, dass jüngere Generationen besser mit Medien umgehen können. Und Senioren und Seniorinnen gerieten eher im Verruf, mit den neuen Medien überfordert zu sein. Doch was sagen aktuelle Medien-Untersuchungen? «Seniorinnen und Senioren gehen reflektierter online», so fasst Julius Tanner von SRF neueste Forschungsergebnisse zusammen. Und: «Ältere Menschen nutzen Smartphones deutlich zielgerichteter als jüngere», zitiert er Florian Fischer, Gesundheitswissenschaftler an der Hochschule Kempten.

Zusammenfassend resümiert Julius Tanner: «Die Forschung zeigt: Seniorinnen und Senioren sind keineswegs digitale Nachzügler. Sie nutzen Smartphones zwar oft anders als die jüngere Generation – aber gezielter, bewusster und mit Fokus auf das Wesentliche.» Vor zwanzig Jahren wäre er für eine solche Aussage vermutlich von den meisten Medienwissenschaftler:Innen ausgelacht worden!

Die drei Altersphasen

Vor drei Jahren durfte ich ein zweijähriges Zusatzstudium in «Altersseelsorge in Heimen und Gemeinden AWS» absolvieren. Dabei lernte ich das achte Stadium von Erikson, das reife Erwachsenenalter, in drei Phasen einzuteilen – und das macht meines Erachtens Sinn. Das reife, dritte Erwachsenenalter beginnt um die Periode der Pensionierung. Darin gibt es zuerst meistens ein autonomes Alter, das in ein fragiles (zerbrechliches) Alter wechselt und manchmal in das kurative Alter – mit pflegerischer Unterstützung – übergeht. Natürlich kann man solche Phasen nicht mit genauen Altersangaben versehen. Dazu sind Menschen zu unterschiedlich.

Für viele Menschen ergibt sich mit der Pensionierung eine klare Grenze und eine neue Lebenssituation. Interessanterweise begegne ich in letzter Zeit häufig Menschen um die 70, die noch keine Lust haben, mit der Lohnarbeit aufzuhören. Auch die Politik möchte das Pensionsalter erhöhen. Selbst diese Alters-Grenze ist heute nicht mehr klar. Ehrlicherweise gibt es heute aber auch jüngere Menschen, die schon früher unfreiwillig aufhören müssen, weil sie beispielsweise körperlich ausgelaugt oder psychisch angeschlagen sind. Und ab fünfzig wird es immer schwieriger, Arbeit zu finden und zu bekommen, wenn man sie verloren hat.