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Gedenken an Gebhard

23. September 2025

Lebenslauf für den Auferstehungsgottesdienst, 23. September 2025

Ich habe einen Lebenslauf für Gebhard zusammengestellt. Gebi hat selbst einen geschrieben – und diesen habe ich gestern unter die Todesanzeige auf die Homepage kapuziner.ch gestellt. Sie können Gebhards Meinen Lebenslauf in Ruhe zu Hause geniessen und verkosten. Gebhard schrieb: «Der folgende Lebenslauf möge meinen Todesanzeige-Verfasser und den ‘Nachrufer’ entlasten. Es sei ihm erlaubt wegzulassen, was in seinen Augen nicht mehr passt oder zu ausführlich ist, und er kann eigene Erinnerungen an mich und an mein Wirken hinzufügen.»

Eigene Erinnerungen an Gebhard habe ich, wie Sie wohl auch. Hinzu kommt, dass ich es als mein Privileg betrachte, Gebhard zu würdigen und auch noch einiges klären zu können. So waren beispielsweise einige von ihnen erstaunt, dass Gebhard in Schwyz beerdigt wird. Sein Kapuzinisches Heimatkloster war vermutlich Sursee und am Längsten – sechs Jahre Gymnasium, viele Jahre als Lehrer und später noch sechs Jahre als Guardian – verbrachte Gebhard in Stans. Und auch Luzerner:innen sind mich angegangen: Wo bleibt denn Luzern? Und hier stehe ich in der Klosterkirche Schwyz, wo Gebi als Guardian wirkte.

Letzten Frühling kam Gebhard zu mir aufs Guardianat und lud mich auf den Schwyzer Friedhof ein. Hier wünsche ich eines Tages beerdigt zu werden, sagte er mir. Der Entscheid des Ortes der Bestattung wird bei uns Kapuzinern nach dem Tod des betroffenen Mitbruders im Gespräch mit dem Provinzial gefällt. So diskutierten wir Gebhards Wunsch mit Bruder Benno, unserem Provinzial, Marzell, dem aktuellen Guardian, und Benno willigte in Gebhards Wunsch ein. Darum feiern wir hier in Schwyz den Auferstehungsgottesdienst und nicht in Stans, Luzern oder an einem anderen Ort. Zähle ich Gebis kapuzinischen Lebensorte, dann komme ich auf zehn. Nehme wir noch das Willisau seiner Kindheit und Frauenfeld seines Militärdienstes hinzu, dann sind es zwölf.

Prägend waren für Gebhard ein Leben lang seine älteren Schwestern. Gebhard war das zweitjüngste Kind unter acht Brüdern und sechs Schwestern. Schmerzlich war für den neunjährigen Knaben der Tod seiner 49jährigen Mutter. Zitat: Zum Glück konnten meine älteren Schwestern mir und uns allen die verstorbene Mutter etwas ersetzen. Als Gebhard im Sterben lag war seine ältere Schwester Marta und ihre Tochter Daniela oft bei Gebhard präsent. Danke für die Präsenz.

Als 15jähriger ging Gebhard fürs Gymnasium nach Stans ins Kapuziner-Kollegium St. Fidelis, wo er später viele Jahre selbst unterrichtet hat. Nach Militär (Artillerie-Kanonier) und Matura ging er auf eine franziskanische Wallfahrt und dann ins Noviziat zu den Kapuzinern. Unser Mitbruder und mehrmaliger Hausgenosse von Gebhard, Thomas-Morus Huber, erinnert sich: Sigi Müller, Gebi, Isidor und ich haben 1963 unsere erste Profess abgelegt. Wir galten als Katastrophennoviziat. Seit Menschgedenken gab es in unserer Provinz jährlich 10 bis 20 Einfachprofessen. Und nun nur vier – zum Vergleich: Vor zwei Jahren gab es in Frankreich nach vielen Jahren ohne Novizen, deren drei. Das wurde in der Kapuzinerwelt als die grosse Wende in Frankreich gefeiert. Katastrophen haben einiges mit ihrem Umfeld und ihrer Deutung zu tun. Des Weiteren erinnert sich Thomas Morus: Gebhard gehörte zu den Hühner- und Küngelizüchtern. Praktisches lag Gebhard am Herzen.

Zu Beginn seines Ordenslebens wechselte Gebhard seine Lebens- und Ausbildungsorte sehr schnell: Stans, Solothurn, Wil SG, Näfels, Paris, Fribourg und wieder Stans, wo er von 1975 bis 1998 blieb und wirkte. Gebhard erinnert sich: Im Alter von 33 Jahren konnte ich anfangs September 1975 meinen ersten Einsatz im Kloster in Stans und am Kollegium St. Fidelis und beginnen. 1992 habe ich den Schuldienst endgültig aufgegeben, weil ich für 6 Jahre zum Guardian daselbst berufen wurde. Während ich auf den Schulunterricht gut vorbereitet war, half mir nur das Vorbild von guten Guardianen, dieses Amt zu übernehmen und auszuführen. Das letztere kennen wohl viele Guardiane und Neu-Guardiane, aber ich denke auch Eltern. Für den Beruf topp gebildet, für die Gemeinschaftsarbeit in den Regen gestellt. Zum Glück scheint nach dem Regen oft die Sonne! Gebi leitete umsichtig und aufmerksam – so ist meine Erfahrung.

Gebhard schreibt zu seinen Jahren in Stans: In diesen Jahren wurde Nidwalden mit seinen lebensfrohen Menschen meine zweite Heimat. In einem längeren Gespräch erzählte mir Gebhard von einer Zeit, da er die Woche durch tagsüber Schüler:innen unterrichtete, nächtens im Internat schaute und am Sonntag in der Umgebung auf Aushilfe ging. Freie Tage waren damals noch nicht bekannt. Von Stans meldete man mir einige weitere Aufgaben von Gebhard: Gymnasiallehrer 1975-1993, Mitglied der Internatsleitung 1978-1988; in Nachfolge von Musikdirektor Alois Koch Übernahme für einige Jahre Dirigent der Kollegi-Blasmusik und für deren Neuinstrumentierung mitbesorgt; zusammen mit Br. Hanspeter Betschart Verantwortlicher des Religion-Foyers 1986-1993; Verwalter der Theatergarderobe; Spiritual am Kapuzinerinnenkloster St. Klara 1992-1998; Präses des Sakristanen-Verband Sektion Nidwalden 1994-1998; Vize-Dekan des Dekanates Nidwalden 1995-1998; mit Br. Damasus Flühler Assistent der Franziskanischen Laiengemeinschaften Nidwalden und Obwalden 1994-1998; Seelsorger im Dekanat Nidwalden, in Büren in Nachfolge von Adelhelm Bünter OFMCap (+ 1995) bis 1998.

Und wo stand die Spiritualität, das Gebet des Vollzeitbeschäftigten? Gebhard schreibt: In der Stanser-Zeit ging ich fast jedes Jahr für eine Woche nach Taizé, mit Studenten oder alleine. Die Gottesdienste mit der Gemeinschaft und den vielen eher jugendlichen Menschen haben mir immer sehr entsprochen. Zweimal hatte ich sogar die Gelegenheit, mit Frère Roger Schutz einige Worte zu wechseln; seine bescheidene Art hat mich tief beeindruckt.

Ich spüre nun die Erwartungen der Luzerner:innen und Schwyzer:innen. Er war doch auch unser Gebhard?! Das stimmt. Hören wir Gebhard im O-Ton: 1998 wurde ich für zwei Jahre nach Brig mutiert. Im Januar 2000 durfte ich in Luzern die Quartierseelsorge Wesemlin übernehmen. Zu Beginn hatte ich grossen Respekt davor, aber mit dem Verständnis der Mitbrüder und der Mithilfe vieler Leute aus dem Quartier wurde mir diese Zeit je länger, je mehr zu einer grossen Freude, die mich sehr befriedigte. Besonders will ich hier die Mitarbeit von qualifizierten und engagierten Frauen hervorheben, von denen ich für die Seelsorge, für die Gestaltung von liturgischen oder weltlichen Feiern viel lernen konnte. Ihnen bin ich bis heute freundschaftlich verbunden. Und in diesem Zusammenhang habe ich einen Traum: es möge bald die Zeit kommen, wo Frauen und Männer gleichberechtigt diakonisch und priesterlich wirken dürfen, im Auftrag und mit dem Segen unserer Kirche! Sind doch beide zusammen das wahre und vollständige Abbild Gottes, von ihm geschaffen!

Nur ungern habe ich Luzern im September 2015 verlassen, um in Schwyz zuerst als Klostermitglied und von 2016 bis 2022 als Guardian zu wirken. Diese anspruchsvolle Aufgabe konnte ich nur dank guter Pflegerinnen und tüchtiger Mitarbeiter zum Wohle unserer kranken und pflegebedürftigen Mitbrüder leisten. Ihnen gilt heute noch mein herzliches ‘Danke schön’! Ihren Einsatz für die pflegebedürftigen Mitbrüder können wir nicht hoch genug schätzen. Im Verlauf der Zeit habe ich mich in Schwyz richtig daheim gefühlt.

Zum Schluss will ich danken – für den ausführlichen Dank Gebhards an viele Menschen verweise ich wieder auf die Homepage kapuziner.org. Doch das Fazit von Gebhard nehme ich gerne wieder auf:

Fazit: Ich habe in allen Kapuzinerjahren versucht, den ‘Willen dessen, der mich gesandt hat’ so gut es geht zu erfüllen. Ich habe keine wissenschaftlichen Höhenflüge unternommen und keine Bücher geschrieben. Jene, die das konnten, habe ich stets bewundert. Nach dem Sprichwort: ‘Schuster bleib bei deinem Leisten’ habe ich versucht, durch praktische Leib- und Seelsorge vielen Menschen zu dienen, sie in ihrem Suchen zu begleiten und in ihrem Glauben zu stärken, wie auch ich durch ihren Glauben gestärkt wurde. Zusammen haben wir versucht zu leben, was Karl Rahner als das Wesen des Glaubens bezeichnet hat: «Die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten.» Er möge alles vollenden, was ich begonnen und als Bruchstück zurückgelassen habe. Laudetur Jesus Christus!

Und noch heute können Brüder, Angestellte und Besucher:innen auf der Pflegestation in Schwyz im Gang auf einem Plakat lesen: «Die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten.» Dies in Erinnerung an Gebhard, dem Hühner- und Küngelizüchter, dem kreativen Dirigenten und Theaterbesorgten, dem praktischen Leibsorger und Seelsorger oder wie es Thomas Morus formuliert: Die Stärke von Gebis Predigten war die Konkretheit.

Das war nun lang. Ich habe vieles von Gebi, wie auch von anderen ausgelassen. Auch von unseren wunderbaren Luzerner- und Schwyzer-Jahren habe ich eigentlich nichts erzählt. Weggelassen habe ich auch Gebis wichtige Erfahrungen mit dem Zweiten Vatikanum. Gebhard ist ein konkretes Beispiel dafür diese Kirchenreform. Und ich hoffe, dass er nun im Himmel nicht mehr nur vom Priestertum der Frauen träumen muss, sondern dass sie es da oben geschafft haben – vielleicht gibt es ja im Himmel keine Unterscheidung zwischen den Geschlechtern mehr, gar keine Geschlechtsunterschiede, vielleicht? Auch sein franziskanisches Engagement für die Franziskanische Gemeinschaft habe ich nicht gewürdigt. Gebhard war mir stets ein praktischer und zugreifender Unterstützer, sei das als Quartierseelsorger im Wesemlin oder als Patient in Schwyz. Gut, und wie die Luzerner:innen wissen, war Gebi hier auf Erden der bessere Kegler als ich. Ob Gott im Himmel immer noch unbegreiflich ist? Vielleicht hat Gebi gefunden. Amen.