Seid klug wie die Schlangen (oder Globi?)

Predigt vom 25./26. April 2026; 1. Petrusbrief 2,18-25; Johannes 10,1-10
Jesus sagte zu seinen Jüngern: Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben! (Lk 10,3) Und heute haben wir im Petrus-Brief, in der Lesung gehört: Wenn ihr recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes. Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. (1 Petrus 2,20b-21).
Kann man heute zu den Iranern oder zu den Ukrainern sagen, nehmt euer Kreuz auf euch, lasst euch unterjochen und leidet weiter? Ordnet euch unter und haltet eure ungeschützten Wangen hin. Gute Christen und Christinnen nehmen ihr Kreuz auf sich und wehren sich nicht? Das würden wir, als freie Schweizer und Schweizerinnen auch nicht wollen. Können freie Menschen Christen werden? Unser Zelebrant, Bruder Josef Bründler, war als Kapuziner und Armee-Seelsorger Hauptmann in der Schweizer Armee. Auch ich lernte im Militär schiessen und Raketen starten. Können wir beide Christen sein? Und erst noch Kapuziner? Hätten wir nicht besser auf das Kreuz und Pazifismus gesetzt? Wange hinhalten also?
Jesus sagte: Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben! (Lk 10,3). Schafe und Tauben, aber auch klug wie die Schlangen. Interessanterweise hat unsere Lesung (1Petr 2,20b-25) noch eine in der Leseordnung unterschlagene Einleitung, die ich nun noch lese und wichtig finde: 18 Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Ehrfurcht euren Herren unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launenhaften!
Seid schlau wie die Schlangen meint Jesus. Er und seine Jünger, Israeliten, lebten vor 2000 Jahren als unterdrückte Menschen, als unterjochtes Volk des römischen Reiches. Die Römer waren brutal und haben und in grossem Stil gekreuzigt, absolut nicht nachahmenswert! Ganze Strassen wurden mit gekreuzigten Israeliten, Juden geziert. Liest man beispielsweise die Schilderungen eines Josephus Flavius aus jener Zeit, dann wird einem übel. Der Sudan heute fällt mir ein. Einfach die Wange hinhalten? Nicht einmal Fliehen ist erlaubt.
Der 1 Petrusbrief wird vermutlich Ende des 1. Jahrhunderts nach Jesus geschrieben. Die Adressaten des Briefes sind nicht-jüdische Christen, die in einem ihnen feindlich gesinnten Umfeld leben. Insbesondere Sklaven, die einen Gutteil der damaligen christlichen Gemeinden ausmachten, werden durch den Brief angesprochen. Und diese Sklaven hätten sich nicht wehren können, auch wenn sie wollten. Da hätten genügend Kreuze am Strassenrand auf sie gewartet. Sklavenhalter hatten damals das Recht, ihre Sklaven zu töten und Sklavinnen zu vergewaltigen. Ihnen gehörte das Leben.
Vermutlich hat auch heute die iranische Zivilbevölkerung keine Chance gegen ihre machtbewussten Führer, Herrscher. Anfang Jahr wurden mehr als zwanzig Tausend Iraner und Iranerinnen abgeschlachtet und auch jetzt noch werden aufmüpfige Menschen im Iran hingerichtet. Es gibt Momente, da ist Widerstand hoffnungslos. Und in solchen Situationen rät die Klugheit am gekreuzigten und auferstandenen Jesus Mass zu nehmen und Unrecht anzunehmen. Das heisst im ersten Jahrhundert vielleicht keine Befreiung der Sklaven, keine Befreiung des unterdrückten Volkes Israel zur Zeit Jesu und für den Moment keinen Aufstand der Menschen im Iran. Es war und wäre vermutlich sinnlos. Es ist dies eine Frage der Klugheit der jesuanischen Schlange. Unterscheide.
Und trotzdem, da gibt es Momente, da Christen und Christinnen sich für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung einsetzen – und je nachdem auch mit Waffen. Darüber darf man aber, so finde ich, unterschiedlicher Meinung sein. Jesus von Nazareth hat auch für die Wahrheit und für das Reich Gottes gekämpft. In seinen Streit-Gesprächen mit Pharisäern war er nicht zimperlich. Gut, wichtiger scheint mir, dass Jesus geheilt, versöhnt und Sünden vergeben hat. Aber er ist zu seinen Überzeugungen gestanden, bis in den Tod hinein. Die Römer hat Jesus nicht direkt angegriffen. Da war er zu schlau dafür. Das hätte zu seiner Zeit nichts Produktives gebracht.
Das schweizerdeutsche Sprichwort sagt: De Gschider git naa, de Esel blibt staa. Manchmal ist diese Haltung richtig, aber stets muss und sollen wir uns aktiv für das Reich Gottes, für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Dann, wenn das auch Sinn macht und Erfolg haben könnte. Manchmal ist aber auf den Petrus-Briefschreiber zu hören: 18 Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Ehrfurcht euren Herren unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launenhaften! Und in der heute vorgesehenen Lesung: Wenn ihr recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes.
Liebe Gläubige
Ich finde es richtig, dass wir uns in der Schweiz für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen, dass wir mit Polizei und Militär unsere Freiheit verteidigen. Die Freiheit eines Christenmenschen ist das wert. Da geht es nicht um Unterordnen und irgendwelche Kreuze, einfach weil das fromm wäre. Doch gab es Situationen und könnte wieder welche geben, wo auch wir Schweizer und Schweizerinnen uns wieder unterordnen und Kreuz tragen müssten. Für den Frieden und Prosperität. Und dann wissen wir, auch Jesus hat sein Kreuz getragen. Seid schlau wie die Schlangen!
Es ist dies nicht nur eine politische, soziale, sondern auch eine persönliche Haltung. Manchmal ist es im Leben schlauer, kürzer zu treten und ein mühsames Kreuz zu tragen, eine ärgerliche Situation durchzustehen. Doch ist das nicht das Ziel des Lebens und schon gar nicht das kommende Reich Gottes.
Im Tagesevangelium des Johannes bezeichnet sich Jesus als der gute Hirt. Und das gibt unserem Leben Orientierung und Sinn. Trotz schwierigen Situationen und Kreuzen dürfen wir auf ihn, auf Gott als unsere Hirtin bauen. Und die Osterzeit lehrt uns, dass wir dabei über den Tod hinaus auf Gott hoffen dürfen, die auch nach dem Tod zu neuem Leben erwecken kann. Oder wie im 1. Petrus-Brief steht: Jetzt seid ihr zurückgekehrt zum Hirten, zum Beschützer eurer Seelen. Amen.
Zum Bild: Globi ist doch etwas wie der brave innovative Urschweizer?! Das Bild hat mich angesprochen.