Wahrnehmen und wirken

Gottesdienst vom 8. Februar 2026; 1. Kor 2,1-5; Mt 5,13-16
Einleitung/Bussakt: Am 3. Februar, am Dienstag der letzten Woche, wurde eine kirchliche Medienmitteilung zur erfolgreich abgeschlossenen Pilotphase der Assessments bzw. der psychologischen Eignungsabklärungen für Priesteramtskandidaten und Seelsorgende veröffentlicht. Das scheint mir eine wichtige kirchliche Meldung zu sein. Die römisch-katholische Kirche ist und bleibt auf dem Weg. Auch ich bin vor 35 Jahren ohne psychologische Eignungsabklärung Kapuziner geworden. Einen medizinischen Gesundheitscheck des Hausarztes musste ich jedoch bringen!
Missbrauch begleitet unsere Kirche und wird uns noch einige Male aufschrecken. Die letzten beiden Perspektiven-Sendungen vom 24. Januar 2026 und vom 1. Februar 2026 nahmen das schwierige Thema wieder auf. Medien sollen dranbleiben. Das finde ich gut. Im Begleittext der Sendung ist zu lesen: Über sexuellen Missbrauch zu sprechen ist nie leicht. Nein, das ist es nicht. Und trotzdem ist es wichtig darüber zu sprechen und nicht zu schweigen! Irgendwie bekomme ich den Eindruck, dass die heutige Lesung und das Tagesevangelium uns ermutigen gut hinzuschauen und selbstkritisch nachzufragen. Wir wollen diesen Ball aufnehmen und nach unserem Glauben und nach unserer Theologie fragen. Aber zuerst einmal auch auf die kirchlich nicht nur schöne Realität zu schauen, wie es in einem katholischen Gottesdienst üblich ist.
Gott, es waren auch Kapuziner, die Missbrauch verübt haben und Brüder der Leitung, die Missbrauch verharmlost und nicht ernst genommen haben. Herr, erbarme dich.
Gott, die neuesten Aufdeckungen in Altdorf zeigen, dass auch weltliche Behörden weggeschaut und nicht gehandelt haben. Missbrauch hat auch eine gesellschaftliche Komponente. Christus, erbarme dich.
Gott, viele von uns – und da zähle ich mich dazu – haben die Betroffenen lange zu wenig oder nicht wahr- und ernstgenommen. Herr, erbarme dich.
Gott, wir haben zur Eröffnung gesungen “Tauet, Himmel, aus den Höhn, tauet den Gerechten; was verdorrt ist, blühe auf unter seinem Segen. …“ Gott, komm und erfülle uns mit deiner Gegenwart, lass uns neu werden und dem Leben, der Gerechtigkeit und dem Frieden dienen. Schenke uns Kraft zum ehrlichen Hinsehen und entsprechendem Handeln. Amen.
Predigt:
Es ist menschlich und modern, sich im Erfolg zu sonnen, grossartig zu sein. Dazu schaue ich nicht nur nach Amerika. Interessanterweise ist das auch nicht die Absicht eines Paulus. Er sagt: Ich kam nicht zu euch, Schwestern und Brüder, um glänzende Redenoder gelehrte Weisheitvorzutragen, sondern um euch das Geheimnis Gotteszu verkünden. (1 Kor 2,1) Es geht um ein Ringen um Gottes Liebe und sein Anderssein. Paulus beabsichtigt nicht den Erfolg. Auch von Jesus Christus spricht Paulus nicht vom erfolgreichen Verkündiger und Heiler, sondern vom Gekreuzigten und durch Gottes Kraft zum Leben erweckten Hingerichteten. Gewandte und kluge Reden helfen ihm, helfen uns existenziell oft nicht weiter.
Gerne zitieren wir Christen aus dem Matthäus-Evangelium « Ihr seid das Salz der Erde.» sowie « Ihr seid das Licht der Welt» und vergessen darüber gerne, dass dies jeweils erst der Start zu einem Jesuswort ist: « Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, ausser weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden.»
Die römisch-katholische Kirche hat in den letzten Jahren vieles an ihrer Glaubwürdigkeit verloren. Manchmal habe ich den Eindruck, dass aus der Anklägerin eine Angeklagte geworden ist. Ob die Exponenten das merken? Diese Woche war wieder zu lesen: «Papst bezeichnet Abtreibungen als «Zerstörer des Friedens» - Schweizer Frauenbund hält entgegen.» «Der Frauenbund Schweiz betont, dass Frieden nicht durch die Kriminalisierung von Frauen entsteht.»
Nein, ich möchte jetzt nicht zum Schwangerschaftsabbruch predigen. Mich interessiert das Salz der Erde und das Licht der Welt. Was kann das uns heute sagen? Das Evangelium fordert die Lampe in die Höhe zu stellen, damit das Licht auch leuchtet. Für mich ist das eine Einladung zuerst einmal genau hinzusehen. Dabei spricht der Evangelist Matthäus davon, dass das Licht allen im Haus leuchten soll. Das heisst doch zuerst einmal, das Dunkel in meiner Umgebung zu sehen, wahrzunehmen. Das ist nicht ein Blick in die Ferne, zum Fremden, zum anderen. Ja, oft ist es leichter sich über die anderen zu ärgern und herzuziehen, als sich selber und sein eigenes Umfeld kritisch zu betrachten.
Jesus sagt in der Feldrede oder in der Bergpredigt: «Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?» Da frage ich mich schon, welche Balken habe ich vor meinen Augen, und welche Balken haben katholische Repräsentanten vor ihren Augen? Die Medienforschung zeigt eindeutig, dass wir gerne über die uns fernen Menschen lästern. «The Nearer, the Better»; je näher, desto positiver eine Nachricht, so habe ich in der Zeitungsanalyse gelernt und das in einer Seminararbeit für drei Schweizer Zeitungen nachgewiesen. Hätte ich das nicht selber gemacht, ich hätte es nicht geglaubt. Je weiter entfernt geografisch die Meldungen sind, desto schlechter, negativer die Berichterstattung. Ach ja, wenn mich jeweils die Negativ-Schlagzeilen belasten, dann lese ich eine Zeitlang nur noch Lokalnachrichten. Da begegnet mir mehr heile Welt als in der medialen weiten Welt!
Was bedeutet es Salz der Erde zu sein? Interessanterweise sieht man das Salz in der Suppe nicht, auch kann man es nicht visuell feststellen, ob ein Essen gut gesalzen oder schon versalzen ist. Im Bildwort geht es interessanterweise nicht um die versalzene Suppe, sondern um Salz, das seinen Geschmack verliert und so nicht mehr geniessbar ist.
All die Missbrauch-Skandale haben mir zugesetzt und mich auch verändert. Nein, es geht mir nicht mehr so leicht, mich als Christ, vor allem als Katholik zu outen. Ich möchte doch zu einer prophetischen Kirche gehören, und nicht zu einer zu einer Missbrauch schützenden Gemeinschaft. Das lädt ein, sich zurückzuziehen. Doch, vielleicht sollte ich wieder etwas mehr «Salz der Erde» werden. Nein nicht versalzen, aber doch geschmackvoll mich für Gerechtigkeit und Frieden, Leben fördernden Glauben einzusetzen. Und da gäbe es viele Übungsplätze dazu. Gerechtigkeit und Frieden werden nicht nur in der Ferne, aber auch in meiner Nähe verletzt. Habe ich da den Mut für den Schwachen, für die an den Rand gedrängte Person einzustehen. Es gibt überall, wie beim Missbrauch auch, oft Täter und Opfer. Interessanterweise war Jesus von Nazareth vor allem heilsam und befreiend unterwegs. Schranken hat er zwar auch formuliert, hat Nächstenliebe und Feindesliebe gefordert. Jesus hatte primär Augen und eine Botschaft für die Opfer, nicht für die Täter, die bösen Machthaber, Missbraucher.
Im letzten Jahr ist mir wichtig geworden, dass der Jude Jesus zu einem unterdrückten und kriegsversehrten Volk gehört hat, an den Rändern, an der Peripherie des römischen Weltreiches. Ich weiss, gelebt habe ich vier Jahre in Rom und habe da vor allem die Sicht der Römer, der Sieger, der Erfolgreichen, der Unterdrücker, der Mörder genossen. Das darf man nicht vergessen, wenn man durch Rom wandert. Franz von Assisi hat seinen Glauben übrigens in verfallenen Kirchen und unter Aussätzigen, Ausgestossenen gefunden. Da geht es nicht um eine Theologie der Sieger, sondern um Gemeinschaft mit den Randständigen, Ausgeschlossenen. Licht sein und Salz sein, sind die Stichworte des heutigen Evangeliums. Dazu wünsche ich uns viel Kraft, Ausdauer und Freude. Amen.